29 Tage auf der Suche nach Freiheit – München Venedig Teil 1

_DSC2233 _DSC2663 Als ich Freunden und Bekannten von meinem Vorhaben erzählte, erntete ich viele skeptische Blicke. „Was machst Du?“ war meist die erste Reaktion auf die Schilderung meiner Urlaubspläne. „Nein, für mich wäre das nichts.“ dann die zweite. Bald merkte ich, dass in diesen Sätzen nicht nur Erstaunen mitschwang, sondern auch ein wenig Bewunderung für diesen Plan. Getragen waren sie trotzdem von einer gewissen Ungläubigkeit. Meine Gesprächspartner werden sich insgeheim gedacht haben: „Das glaube ich erst, wenn Du wieder zurück kommst.“ Tatsächlich spielte dieser Satz, den niemand wirklich aussprach, eine große Rolle, dass ich zu dieser Reise aufgebrochen bin. Es gibt wenige Dinge, die mir wichtiger sind, als meine Konsequenz. Wenn ich sage, dass ich etwas tue, dann möchte ich das auch umsetzen. Zumindest rede ich mir das hin und wieder ein. Tatsächlich kommt es öfters vor, dass ich mein Wort nicht halte. Aber ich gebe mir Mühe, vor allem bei solchen großen Dingen. Anfangs dachte ich, ich könnte jemanden finden, der mit mir geht. Zusammen mit ein oder zwei Freunden 30 Tage unterwegs zu sein, war für mich eine wundervolle Vorstellung. Aber je näher der Termin rückte, desto mehr vage Zusagen wandelten sich in konkrete Absagen. Als sich abzeichnete, dass ich diesen Weg alleine bestreiten müsste, hatte ich keine Wahl mehr. Alle Welt hatte ja schon erfahren, dass ich mir das in den Kopf gesetzt hatte. Mit der Zeit wuchs die Vorfreude – und meine Zweifel. „Hast Du nicht gelernt, dass man niemals allein in die Berge geht? Das ist gefährlich und unvernünftig!“, zwickte mich mein Gewissen. „Allein schaffst du das eh nicht.“ Am Ende gewann doch der Ehrgeiz, mein ständiger Begleiter: „Gerade wenn schon niemand mitgeht, dann wirst Du es allen beweisen, dass du das kannst.“, sprach er zu mir und packte zusätzlich zu den 12 Kilo Gepäck noch einen Schlafsack, eine Isomatte und eine 2,5 Kilo Kamera in den Rucksack. Damit es ja nicht zu leicht werden würde. Am Abend vor der Tour wog das Monstrum 16,5 Kilo. Entgegen aller Vernunft beließ ich es dabei, denn ich hatte ja schon angekündigt, dass ich auch unter freiem Himmel schlafen würde. Es muss ungefähr drei Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal von dieser Tour hörte. Kürzere Mehrtagestouren hatte ich mit meiner Familie schon öfters bewältigt und diese Zeiten immer geliebt. Bergsteigen mit Menschen, die ich gerne habe, ist eine Sache, die mir sehr wichtig und lieb geworden ist. Zu den fünf Touren ganz oben auf der Liste zählen die zwei Dolomitenwochen mit meinen Eltern und meinem Bruder. Auch besonders in Erinnerung ist mir die Zweitagestour mit Deniz und Marius, zwei meiner besten Freunde, auf die Hochlandhütte bei Mittenwald geblieben. Die unangefochtene Nummer eins ist und bleibt die Notkarspitze im Sommer 2011 mit meinem Papa. Ich hatte gerade meine Abiturprüfungen hinter mich gebracht und wir konnten den Tag daher in vollen Zügen genießen, obwohl es ungemütlich kalt und nass war. Die Alpenüberquerung wollte ich eigentlich nie alleine bestreiten. Meine Motivation für diese Reise war daher immer die Aussicht, vier Wochen mit jemandem unterwegs zu sein, der meine Begeisterung für das Bergsteigen, für interessante und tiefe Gespräche auf Hüttenabenden, für meine Art des Laufens teilt. Natürlich war das immer ein wenig utopisch. Das weiß man hinterher natürlich besser. Wer mich besser kennt, der weiß, dass ich mich nicht gerne zu den untersten Äpfeln am Baum strecke. Die hoch oben scheinen mir immer besonders rot und saftig zu sein. Das mag hin und wieder zum Trugschluss werden, manchmal greife ich damit auch völlig daneben. Die Frucht München-Venedig rückte jedenfalls in weite Ferne, als sich niemand umstimmen ließ, mich zu begleiten. Ich hatte nun niemanden, der mir mit einer Räuberleiter beim Apfelpflücken helfen würde. Auch wenn man das heute nicht mehr so auf Anhieb glauben mag: Mir fiel es nie leicht, an unbekannte Menschen heranzutreten. Diese Aufgabe überließ ich meist den anderen. Ein gutes Beispiel ist dafür der Studienstart in Ingolstadt: Es dauerte über zweieinhalb Jahre, bis ich vollständig angekommen war und einen gefestigten Freundeskreis mein eigen nennen konnte. Gerade deswegen erkannte ich in dieser Reise die Möglichkeit, mich in kommunikativem Fingerspitzengefühl zu üben. An fremde Bergsteiger heranzutreten, konnte mir nun keiner mehr abnehmen. Neben alldem ist Bergsteigen ist für mich etwas sehr meditatives. Ich komme meinen Begleitern und vor allem mir selbst sehr nahe. Dabei gilt, je länger die Tour dauert, desto intensiver das Erlebnis. Unter freiem Himmel sind meine Gedanken frei, viel mehr als irgendwo anders auf dieser Welt. Der sehr einfache und immer gleiche Tagesablauf, die gleichmäßige Abfolge von Schritten, tiefes Ein- und Ausatmen, die Bergluft und nicht zuletzt die viele Zeit, in der man einfach nichts zu tun hat und nichts tun muss, führen automatisch dazu, dass man sich sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Zeit vor meiner Abreise war vor geprägt von meiner Bachelorarbeit und einigen belastenden Gedanken. Nach ein paar Tagen und meditativen Stunden unterwegs wurde mir langsam klar, dass ich mich nach der Unbeschwertheit sehne. Ich merkte, im besten Fall schafft man es, sich dort oben im Gebirge von allen Aufgaben, Grübeleien, Alltagslasten und gesellschaftlichem Druck zu entziehen. Im besten Fall gelangt man inmitten einer überwältigenden Landschaft zu purer Freiheit. Es ist mir auf dieser Reise nicht gelungen, ganz dorthin zu kommen. Ich bin weder Buddhistischer Mönch noch gelernter Geistheiler oder Meister der Meditation, daher wäre das auch zu viel verlangt. Es gab jedoch einige Momente, in denen ich diesem Gefühl sehr nahe war. Im Nachhinein betrachtet, bildet die Suche nach Freiheit meinen roten Faden: Von dem Moment, als ich das erste Mal über München – Venedig nachdachte, durch die Vorbereitungszeit und besonders von Tag 1 zu 29. Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, der weiß, dass ich das Thema Freiheit nicht zum ersten Mal in die Hand nehme. Dahinter versteckt sich ein wichtiger Teil meiner Einstellung zum Leben alleine und mit anderen. Dazu ein andermal mehr. Ich hoffe, Du kannst beim Betrachten dieser Bilder etwas von dem nachfühlen, was ich in diesen Momenten empfunden habe. _DSC2414 _DSC2929 _DSC3789-Bearbeitet _DSC3783