Fabian

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Fabians Priesterweihe ist nun schon ein Jahr her. Es war für mich etwas sehr besonderes, ihn und seine zwei Ordensbrüder und Freunde, Christian und Gunnar, dabei als Fotograf zu begleiten. Etwa zweieinhalb Stunden verfolgte ich die Zeremonie aus unterschiedlichen Perspektiven. Obwohl ich schon seit vielen Jahren selbst oft als Ministrant bei normalen Gottesdiensten vor dem Altar stehe, bereitete mir der Ablauf des Weiheritus mit seinen vielen Besonderheiten einige Schwierigkeiten. Etwas nervös pendelte ich also möglichst unauffällig zwischen Altarraum und dem Kirchenschiff hin und her.

Vor dem Gottesdienst war nicht nur mir, sondern auch den dreien die Aufregung deutlich ins Gesicht geschrieben. Währenddessen schienen sie mir sehr konzentriert. Das “Jetzt nur keinen falschen Schritt machen!”-Gefühl ist etwas, dass ich als Ministrant gut kenne. Selbst nach dem Auszug dauerte es noch eine Weile, bis sie sich aus der katholischen Gottesdienststarre lösen konnten. Erst als Christian beim Gruppenfoto in seiner lebensfrohen Art die Arme um seine Mitbrüder legte, da war sie plötzlich wieder da: Die Freude über das Vollbrachte, ihre herzliche Gemütlichkeit. Für mich war das der schönste Moment des Tages.

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Als ich damals die fertig bearbeiteten Fotos betrachtete, war ich glücklich. Glücklich darüber, irgendwann einmal eine Kamera in die Hand genommen zu haben. Hätte ich das nicht getan, ich hätte Fabian wohl nie kennengelernt. Diesen Sommer war er wieder zu Besuch in München. So herzlich, wie er mich vor fast einem Jahr verabschiedet hatte, so herzlich begrüßte er mich diesmal wieder: Mit einer ungewöhnlich festen Umarmung, einem Blitzen in den Augen und einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. Er nahm sich in seiner gemütlichen Art viel Zeit mir nochmal zu erklären, wie und warum er sich für seinen Weg entschieden hatte und wie es ihm in den letzten Monaten ergangen war:

In seiner Zeit als Zivi in der Katholischen Hochschulgemeinde Stuttgart merkte er, dass er für andere Menschen da sein wollte. Dazu kam später noch der Wunsch, den Menschen die Barmherzigkeit Gottes nahezubringen. Er wollte ankämpfen gegen das Bild vom strafenden Gott, das auch heute noch sehr weit verbreitet sei. Ein gutes Beispiel dafür sei die Beichte, sagte er mir: “Nach der Beichte fragen mich die Menschen manchmal, warum ich ihnen jetzt nicht fünf Ave-Maria und zehn Vater-Unser aufgebe, damit ihnen die Sünden vergeben werden. Ich sage dann, ‘Nein. Mache Dir lieber Gedanken darüber, was Du den Menschen gutes tun kannst. Das hilft ihnen und dir mehr, als die Strafe.'”

Er sei kein Mensch für die Einsamkeit. Er müsse unter Leute. Er sei auch niemand, der gerne nach Hause komme, wenn dort Abends nur das Abendbrot auf in warte, aber keiner da sei zum Reden. Daher kam für ihn nie in Frage, Gemeindepfarrer zu werden und er entschied sich stattdessen dazu, in einen Orden einzutreten. Eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass die Jesuiten für ihn die passende Gemeinschaft sei, gelten sie doch als sehr intellektuell geprägt. Er dagegen sei mehr ein Mann des Herzens. Aber die Offenheit des Ordens für Neues und seine ausgeprägte internationale Verflechtung faszinierten ihn und er ist – das sieht man ihm an – auch nach wie vor sehr glücklich mit dieser Wahl.

Wir sprachen auch über eines meiner Lieblingsthemen das Zuhören: Hier wurde er nachdenklich. Ein großer Teil seines Tagesablaufs bestehe darin, anderen ein offenes Ohr zu schenken. Das sei oft schön aber nicht immer leicht, denn natürlich belasten ihn die Sorgen und Nöte der Menschen. Trotzdem fühle er sich nie allein, denn im persönlichen Gespräch sei ja immer auch ein dritter mit dabei, sagte er mir und blickte vielsagend nach oben. Dieses Wissen helfe ihm sehr. Dieser Gedanke fällt mir persönlich schwer. Trotzdem kann ich nachvollziehen, dass er allen, die so viel Vertrauen zu Gott aufbringen, wie Fabian, sehr viel Kraft verleiht. Seine Beziehung zum Glauben sei auch nicht immer lupenrein, erwiderte Fabian auf meine Bedenken. Wie jeder andere zweifle auch er, denn die Frage nach dem “Warum” gehöre eben auch zum Glauben. Da fiel mir ein Satz meiner Mama ein: Als ich vor einigen Jahren (wieder einmal) keinen Sinn im sonntäglichen Gottesdienstbesuch sah, sagte sie, das sei normal. Die Beziehung zu Gott müsse man sich genauso erarbeiten, wie die Beziehung zu dem Menschen, den man liebt. Glaube und Liebe sind oft sehr schön und leicht aber manchmal auch ein Haufen harter Arbeit.

Als Fabian mir Bilder von seiner Gemeinde in Frankfurt  auf seinem Handy zeigte, sah ich ein Funkeln in seinen Augen. Ich merkte, dieser Mann hat seine Berufung gefunden. Bei unserer Verabschiedung, war es schon weit nach sieben und viel zu spät, als dass er bei seiner nächsten Verabredung noch pünktlich gekommen wäre. Als ich mich für die verursachte Verspätung entschuldigte, lachte er nur: “Ich habe nicht umsonst in Spanien studiert. Irgendetwas muss ja hängen geblieben sein”.

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Mein Ort der Zukunft

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Ort der Ankunft. Pendler springen aus dem Zug, hetzen zum nächsten Gleis. Touristen steigen mit großen Augen auf den Bahnsteig hinab. Menschen kommen endlich nach Hause, fallen ihren Liebsten in die Arme.

Pärchen knutschen wehmütig. Freunde umarmen sich flüchtig. Touristen sitzen ungeduldig auf ihren gepackten Koffern. Pendler schauen fahrig auf die Uhr, hoffen auf den Anschlusszug in einer anderen Stadt. Manche werden nie wieder kommen. Ich schon. Er hat mich schon immer fasziniert. Ort des Abschieds.

Brezen duften. Tauben picken Krümel. Der Sitznachbar stinkt nach Bier vom Vortag. Räudige Köter kläffen. Alte Dieselmotoren lärmen. Metallisches Bremsenquietschen dringt ins Knochenmark. Durchsagen klirren in den Ohren. Elektrozüge schnurren. Ungeduldige treten auf meine Füße, schneiden mir mit ihren Koffern den Weg ab. Winterkälte pfeift um meine Beine.

Ich war schon so oft hier. Ich hastete zu meinem Zug während um mich herum alles in einem Strom aus Eindrücken verschwamm. In Gedanken vertieft und in die Ferne starrend stand ich anderen Reisenden im Weg herum. Wartend suchte ich am Bahnsteig nach Blicken, Symmetrien im Bahnhofsgebäude oder beobachtete Tauben. Auf der Jagd nach einem Plan. Auf der Suche nach Liebe oder nur nach etwas neuem. Getrieben von Ungeduld, Langeweile, Neugier, Pflichten oder dem Wunsch, endlich wieder zu Hause zu sein. Ich fühlte mich frei, zufrieden und manchmal auch kraftlos. Aber soweit ich mich erinnern kann, war eines stets gleich: Ich kam immer aus einem besonderen Grund hierher.

Ich mag ihn. Das große graue Ungetüm.

Mein Tor zur Welt.

Meinen Ort der Zukunft.

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Leicht sein, träumen und vergessen – auf Gili Meno.

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Alltag, Du hast mich wieder. Wenn nicht schon kurz nach meiner Rückkehr im September, dann definitiv seit November. Seit drei Monaten bin ich zurück. Eigentlich nicht viel Zeit. Und doch so schnell vorbei. Da genieße ich es sehr, mich hin und wieder an die Zeit in Indonesien zu erinnern.

Dem Alltag entflohen bin dort nicht nur ich, sondern auch viele andere, die Indonesien und vor allem Bali als das Reiseziel für sich entdeckt haben. Leider sehen die meisten Touristen diese Insel nicht von seiner authentischen Seite. Ganze Städte wurden in den vergangenen Jahren mit tausenden Hotels, Ferienanlagen und Ressorts erweitert. In den Gassen werden fast ausschließlich Souvenirs verkauft. Man unternimmt teure, geführte Tagestrips zu einigen Tempeln, die von Touristenfängern belagert werden. Traditionelle indonesische Gerichte gibt es für Gesundheitsfanatiker auch in veganen Ausführungen. Das Essen kostet im allgemeinen das vierfache und schmeckt nur halb so gut, wie das in Jogjakarta oder Malang. Wie überall auf der Welt gilt: Je näher ein internationaler Flughafen, desto mehr verändern sich auch die Menschen. Man wird mehr und mehr als Besitzer eines großen Geldbeutels gesehen. Trotzdem ist es nicht verwunderlich, dass Jahr um Jahr noch mehr Menschen aus allen Teilen der Welt nach Bali kommen. Die Schönheit des Landes ist auch in der größten Touristenhochburg (noch) sichtbar. Außerdem: Wer von Indonesien noch nichts anderes gesehen hat, der kann gar nicht anders, als begeistert sein. Aber es ist eben nicht das echte Indonesien.

Bestes Beispiel: Bier. In Jakarta selbst ist es sehr schwierig, Bier im Supermarkt zu bekommen. Da die Mehrheit der Menschen Muslime sind, ist der Verkauf von Alkohol nur unter strengen Auflagen erlaubt. Wer es trotzdem wagt, die Kassiererin nach zwei kleinen Flaschen Bier zu fragen, der muss außerdem den strengen Blicken der umstehenden Kunden standhalten. Bali wiederum ist hinduistisch geprägt, Alkohol kann man in Supermärkten abseits der großen Städte trotzdem nicht kaufen. In den Touristenorten dagegen ist Bier und Schnaps sehr beliebt und leicht zu haben. Auch an anderen Stellen ist die Veränderung leicht zu erkennen: Frauen übernehmen beispielsweise freizügigen Kleidungsstil und selbstbewusstes Auftreten von den Fremden. Bewerten möchte ich diese Entwicklung nicht. Klar ist, der Massentourismus hat die Struktur und Kultur der Insel schon stark verändert.

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Nach zwei Tagen im überlaufenen Ubud, war ich sehr froh, am Ende meiner Reise für vier Tage an einem ruhigen Ort meine Gedanken sortieren zu können. Der Ort der Wahl: Gili Meno. Das ist die kleinste und am wenigsten besuchte von drei winzigen Inseln vor Lombok. Die Schwestern Gili T. und Gili Air sind am besten mit den Partystränden von Mallorca und Ibiza zu vergleichen. Glücklicherweise musste ich dort nur die Fähre wechseln.

Am Strand von Gili Meno ist man buchstäblich weit weg von den Problemen zu Hause. Die Internetverbindung ist sehr schlecht. Das ist es wahrscheinlich, was das Lebenstempo so langsam macht. Eigentlich unglaublich, welche Auswirkungen es auf mein Leben hat, wenn einmal kein Internet zur Verfügung ist. Der Tag ließ sich allerdings gut mit Sonnenaufgang bewundern, mit den anderen Gästen quatschen, Schnorcheln, einem langen Mittagsschlaf und Sonnenuntergang bewundern ausfüllen. Der perfekte Ort also, um vor dem realen Leben zu flüchten. Tatsächlich war mein Eindruck von den anderen Gästen dieses sehr alternativen Hostels, dass viele von Ihnen sich dort genau deshalb so wohl fühlten, weil sie nichts an die Pflichten und Unbequemlichkeiten zu Hause erinnerte. Einen wirklichen (Lebens-)Plan hatten nur wenige. Einige blieben, solange es ihnen ihr Visum erlaubte. Süchtig nach Leichtigkeit, nach Träumen und nach Vergessen.

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Leicht vergisst man beim Blick aufs weite Meer auch die Probleme des Landes, in dem man sich befindet. Ein paar Meter hinter der Uferpromenade wird sichtbar, dass der Wohlstand auf Gili Meno, wie auch in vielen Teilen Indonesiens, noch lange nicht Einzug gehalten hat. Die Menschen leben einfach, vieles verfällt, Müll liegt über die ganze Insel verteilt. Tiere suchen Futter in Abfall, die Menschen vor den Hütten blicken ärmlich und ein wenig misstrauisch. Fließendes Wasser gibt es nicht. Ich konnte leider nicht mit ihnen sprechen. So weiß ich auch heute nicht, ob sie glücklich sind. Was sie wohl zum Trubel auf den Nachbarinseln sagen? Was sie über die Ausländer auf ihrer Insel denken? Die alte, runzlige Frau, die jeder nur Mama Maria nannte, stimmte mit ihrem Lachen jedenfalls auch den größten Morgenmuffel versöhnlich. Darüber hinaus bot sie neben wunderbar süßen Ananas auch Massagen feil und sah dabei trotz gebücktem Gang und krummer Finger sehr zufrieden aus. Auch Pacman, Koch der besten Reisgerichte der Insel und zugleich Heiler und Hausarzt der Einheimischen, strahlte immer über beide Ohren. Da stellt sich wieder die altbekannte Frage: Macht Besitz glücklich? Oder ist es doch etwas anderes?

Für mich war der Strand von Gili Meno kein Ort, um Gedanken zu verdrängen. Für mich gab es keinen besseren Platz auf dieser Welt, um meine Erlebnisse in China Revue passieren zu lassen. Ich wollte auch nicht länger als vier Tage bleiben. Ich wollte wieder zurück nach Hause. Meine Freunde und meine Familie wiedersehen. 7 Monate sind eine lange Zeit. Und doch so schnell vorbei.

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Sempu Island – Ein Tag im Paradies.

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Eigentlich sollte man – so lernt man es schon in der Schule – eine Argumentation immer mit dem schwächsten Argument beginnen und sich langsam zum Höhepunkt vortasten. Ich finde, das gilt auch für Reiseberichte. Leider ist Indonesien aber voller Lieblingsmomente, Kuriositäten und Besonderheiten. Es fällt mir schon schwer aus den vielen unvergesslichen Eindrücken die besten auszuwählen, über die ich hier schreiben möchte. Unter diesen auch noch eine Reihenfolge zu bilden, ist unmöglich. Der Tag auf Sempu Island gehört auf jeden Fall in die Kategorie “Lieblingstage”.

Man könnte also meinen, ich habe Fotografien aus einem Reisekatalog gestohlen. Oder ich wäre im Paradies selbst gewesen. Ich konnte mir jedenfalls vorher nicht vorstellen, dass solche Orte auf Erden tatsächlich existieren. Selten blättere ich durch Angebotskataloge von Reiseagenturen. Ich halte deren Bebilderung mit sehr ähnlichen Motiven für geschickte Marketingüberlistungsstrategien, um massenweise Touristen in bereits urbanisiertes Gebiet zu schleusen. Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber ich vermute, dass man an den beworbenen Orten nur selten auf paradiesische menschenleere Strände stößt. Für schwache Pauschalurlaubermägen war dieser Ausflug jedenfalls nichts: Gute zwei Stunden ruppige und kurvenreiche Autofahrt waren nötig, um an den Ausgangspunkt zu gelangen. Zum Glück hatte ich mich in China schon an erhöhtes Risiko auf Autofahrten gewöhnt. Von einem kleinen Fischerhafen setzten wir mit einem Kahn auf das andere Ufer über. Danach folgte ein schweißtreibender Marsch durch den Urwald. Mit Flippflopps an den Füßen und einer Zigarette in der legte unser Guide ein ordentliches Tempo vor. Rechts und links raschelten die Affen im Unterholz.

Nach etwa 40 Minuten blitzte das Azur der Lagune zwischen den Bäumen hindurch. Nicht nur ich unerfahrener Europäer, auch Yosa, mein indonesischer Reisebegleiter und Freund, konnte seinen Augen nicht mehr trauen. Nun zahlte es sich aus, dass wir den Marsch in der Mittagshitze über uns ergehen ließen: Lediglich zwei handvoll junge indonesische Burschen warteten im wenigen Schatten auf den Nachmittag, keine Westler weit und breit. Natürlich ließen wir uns ein Bad in dieser Badewanne des Himmels nicht entgehen.

Knappe drei Monate ist es her, dass ich meine Füße in den weißen Sand der Lagune drückte. In München ist es nun Herbst und meine Erinnerungen verblassen schon. Auf Sempu Island wird es niemals Herbst. Diese Orte sind so unterschiedlich. Hätte ich meine Fotos nicht, ich könnte Sempu Island nicht mehr beschreiben. Eines werde ich jedoch nicht vergessen: Das Gefühl von Ehrfurcht vor den Wundern der Natur, Freiheit und Staunen. Es war das selbe Gefühl, das mich sonst nur auf den Gipfeln der den Alpen erfasst.

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Indonesien – 14 Tage Vielfalt.

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Was haben China und Indonesien gemeinsam? – Natürlich, Gemeinsamkeiten findet man immer, wenn man nur lange genug danach sucht. Geprägt durch sechs Monate im Reich der Mitte, verglich ich auf Schritt und Tritt mit meinen Erfahrungen aus China. Um ehrlich zu sein, ich fand nicht viele Verbindungen. Die herausragendste: Auch Indonesien ist ein Land der Unterschiede zwischen Arm und Reich, Technologie und Ursprünglichkeit. Hier hört es sich schon bald auf. Während ich Unterschiede in China mehr als spannungsgeladene Gegensätzlichkeiten wahrnahm, fühlte sich Indonesien an, als würden die Verschiedenheiten zu einem großen Ganzen verschmelzen.

Das faszinierendste an Indonesien? Seine unglaubliche Vielfalt an Kulturen, Natur, Städten, Farben, Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschkulissen. Unsere Reise begann in Jakarta und führte über Java, Bali und Lombok. Trotz der Distanz von mehr als 1500 Kilometern ein winzig kleiner Teil von Indonesien. Ich setzte meine Füße auf nur sechs von einigen zehntausend Inseln. Aber jede der sechs Inseln und ihre Städte hatten ihren eigenen Charakter. In Jakarta spürt man Hoffnung auf Aufstieg und Wohlstand. Ganze Landstriche wie Süd-Bali sind westlich geprägt und verformt vom Geld und der Anwesenheit tausender Touristen. Dagegen trafen wir in abgelegenen Orten von Ost-Java auf Menschen, die nur selten mit Weißen in Berührung kommen. Und während auf Java an jeder Straßenecke eine kleine Moschee steht, finden sich auf Bali vor jedem Haus ein hinduistischer Tempel.

Die erste Reiseetappe meisterten wir mit einem für Indonesien eher untypischen Verkehrsmittel: Per Zug ratterten wir in acht Stunden von Jakarta nach Jogjakarta. Erst wichen die kleinen Hütten in den Slums den Weiten der Reisfelder vor den Toren der Stadt. Je größer die Distanz, desto kleiner die Bauerndörfer, desto ärmlicher die Menschen und desto blauer der Himmel. In der Ferne ragte ein Vulkan aus dem Nebel. Dann schlief ich ein. Als ich meine Augen wieder öffnete, waren aus den Reisfeldern Palmen und aus der trockenen Ebene ein fruchtbares Hügelland geworden. Was gleich blieb, war das Schneckentempo in dem der Zug mit Getöse über das Gleisbett ratterte. Auch die Religion der Menschen hinter der Glasscheibe blieb die selbe. Selbst im kleinsten Dorf nehmen sich die Bewohner die Zeit und sammeln Geld, um mindestens eine kleines Gotteshaus bauen zu können.

Als wir in Jogjakarta im Licht der untergehenden Sonne ausstiegen, war mein Kopf voll mit Bildern. Ich fühlte mich, als wäre ich den ganzen Tag zu Fuß auf Entdeckungstour gewesen. So viel neues hatte ich lange nicht gesehen. Eine gute Einstimmung auf das, was noch kommen sollte: Vierzehn Tage Vielfalt.

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Willkommen zurück im Paradies.

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Oh wie ich es genieße, draußen tief einzuatmen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Endlich riecht es nicht mehr nach Asche und Sand, verbranntem Plastik, faulen Eiern oder Todeswurst sondern nach Bäumen, nasser Wiese und zur Mittagszeit hier und da nach Blaukraut und Schweinebraten. Seit einer Woche bin ich nun zurück. Ein wenig überraschend ist es schon was mir nun im vergleich zu vorher so alles ins Auge fällt.

Heute Nachmittag war ich auf Nach-China-Vergleichs-und-Entdeckungstour mit dem Fahrrad in München unterwegs. Als ich vom Olympiaberg auf Münchens Dächer blickte, kamen mir diese Gedanken:

1.  Mein lieber Schieber kann man weit sehen. Unglaublich wie klar die Luft hier ist.

2. Kaum zu glauben, dass das der Münchner Westen sein soll. Ich sehe nur Bäume. War die Stadt letztes Jahr auch schon so grün?

3. Das soll die drittgrößte Stadt Deutschlands sein? Eigentlich ist sie doch nichts weiter als ein Dorf in einem Zwergstaat. Aber zum Glück eines der lebenswertesten Millionendörfer auf diesem Planeten.

Dazu genoss ich die Ruhe inmitten der Stadt. Kein Motorrollergetöse, kein Autohupen, keine Dauerbeschallung aus Megafonen, Lautsprechern oder Marktschreiern weit und breit. Dafür leises Stimmengewirr, Vogelzwitschern und Windrauschen in meinen Ohren. Wie  erholsam.

Ich könnte diese Liste an Sinneseindrücken noch sehr lange fortsetzen. Ich könnte auch über Dinge sprechen, wie das Sicherheitsgefühl auf öffentlichen Plätzen, Sozialversicherungssysteme und Rechtssicherheit, Krankenversorgung, öffentliche Ordnung, Bildungssysteme, Sauberkeit, gesellschaftliche Normen und Werte oder das Bild von Deutschland in der Welt. Dann könnte ich aber genauso gut einen tausendseitigen Roman schreiben.

An dieser Stelle nur so viel: Je länger ich wieder hier bin und meine Erfahrungen der letzten Zeit mit meinen Eindrücken vergleiche, desto mehr bin ich überzeugt: Wenn die Welt eine große mehrstöckige Torte ist, dann leben wir auf der prachtvollen roten Kirsche auf einem riesigen Berg Sahne ganz oben in der Mitte.

Der Mensch will ja immer das, was er gerade nicht hat. Geht mir sehr oft auch nicht anders. Leider macht es aber nur selten über längere Zeit glücklich, wenn man sich diesen Versuchungen hingibt. Die Zeit in China hat mich etwas gelehrt, was mich jedes Mal aufs Neue erfreut und mich hoffentlich noch lange erfüllt: Dankbar sein für alles, was mir meine Heimat bietet.

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Sechs Monate China – Ein Fazit.

Im Februar stellte ich meine Füße zum zweiten Mal auf chinesischen Boden. Ich erinnere mich: Vor meiner ersten Reise im März 2014 konnte ich mir nicht im Geringsten vorstellen, einmal für längere Zeit nach China zu gehen. Als ich nach zehn Tagen Intensivprogramm mit einem riesigen Fundus an Erfahrungen, Bildern und offenen Fragen zurückkehrte, keimte in mir der Wunsch, nocheinmal genauer hinzusehen. Ich wollte China richtig kennenlernen und entschied mich, für ein halbes Jahr hier zu arbeiten. Gestern verließ ich das Land. Ein guter Zeitpunkt also, um nachzufragen, ob mein Plan aufgegangen ist.

Bei genauerem Nachdenken zeigt sich: Ja und Nein zugleich. Die offenen Fragen sind weniger geworden aber viele bleiben unbeantwortet und es haben sich ein paar neue aufgetan. Ich kenne die Grundzüge der chinesischen Geschichte und spreche ein paar Wörter Chinesisch. Ich kann mir nun auf vieles einen Reim machen, aber ich besitze nicht annähernd ein vollständiges Bild der chinesischen Kultur.

Einer meiner ersten und vielleicht der wichtigste Eindruck überhaupt war, wie herzlich mich meine chinesischen Kollegen in ihr Team aufnahmen. Diese fürsorgliche Atmosphäre hat sich über die Zeit nicht verändert. Ich habe ihre offene, warme, neugierige Art schätzen und lieben gelernt und ich werde sie vermissen. Aber so vielfältig die chinesische Gesellschaft ist, so unterschiedlich waren auch die Begegnungen. Diese Herzlichkeit war dabei keinesfalls ein roter Faden. Oftmals beschlich mich das Gefühl, meine Gegenwart ist Prestigeobjekt. Besonders fiel mir das auf, wenn mich Passanten um ein gemeinsames Foto baten. Meist waren das junge Frauen, manchmal auch Eltern, die ihre Kinder zusammen mit uns fotografieren wollten. Diese Fotos waren weniger Ausdruck der Bewunderung für westliches Aussehen, in den meisten Fällen eher ein wichtiges Element zur Selbstdarstellung. Einerseits fühlte ich mich als Deutscher unter Chinesen sehr oft sehr willkommen.  Andererseits gab es auch viele Situationen, in denen ich merkte, ich werde niemals ein wahres Bild dieses Landes sehen. Zum Einen weil mir der Zugang verwehrt wird, zum anderen weil ich mich selbst vor Neuem verschlossen habe.

Vor meiner Abreise aus Deutschland sagte ich mir, “Im Ausland trifft man sicher diejenigen, die sich wirklich für andere Kulturen interessieren und die sich auf neue Erfahrungen einlassen.” Ich bin der Meinung, dass ich zu jene Gruppe gehöre, die sich tatsächlich mit China und seiner Kultur auseinander gesetzt haben. Leider musste ich auch sehen, dass es Menschen gibt, die sich komplett vor der chinesischen Kultur verschließen, obwohl sie in diesem Land leben und arbeiten. Die Motivation nach China zu gehen, lag in meinem Umfeld viel zu oft in Karriere, Geld, im Lebensstandard, den man sich als Ausländer leisten kann und bei Männern auch in den asiatischen Frauen. Besonders unangenehm fielen mir der Ausländer vom Typ Missionar auf: Ich traf einige, gerne mit einem unglaublichen Maß an Überheblichkeit behaupteten, man müsse den Chinesen erst richtiges Denken und Arbeiten beibringen. Richtiges Denken bedeute in diesem Fall natürlich deutsches Denken. Das finde ich sehr bedauernswert und ich bin fest entschlossen, es selbst anders zu machen. Tatsächlich ist das aber gar nicht so einfach.

Was nehme ich mit aus dieser Zeit?

Wie bei meiner Wanderung von München nach Venedig im letzten Jahr braucht es seine Zeit, bis ich das genau sagen kann. Momentan denke ich vor allem über eines sehr oft nach:

Mehr als vor meinem Aufenthalt in China bin ich davon überzeugt, dass wir Zentraleuropäer in Sachen Herzlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft noch viel lernen können. Außerdem empfinde ich die deutsche Lebenseinstellung als zu stark analytisch und von Ängsten geleitetet. Mehr intuitives und entschlossenes, von Hoffnung inspiriertes Handeln würde vor allem uns Deutsche sehr viel weiter bringen.

Daneben findet sich in meinem imaginären Koffer auch der Gedanke, nochmal zu kommen. Zumindest für einen Urlaub, vielleicht auch zum Arbeiten für ein paar Jahre. So sehr mir dieses Land mit all seinen Unannehmlichkeiten, Eigenheiten und Superlativen schon auf den Geist ging, ich habe es auch lieb gewonnen. Allen voran meine Kollegen, die mich genauso herzlich verabschiedeten, wie sie mich aufgenommen haben.

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Vom chinesischen Geruch nach Urlaub.

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Im Sommer stinkt Dalian zum Himmel. Temperaturen jenseits 30 Grad, das Meer und tausende von Menschen entfalten hier ihre eigene Duftwolke. Den Flair, den ich bei meinem letzten Besuch noch spürte, konnte ich dieses Mal nicht wiederfinden. Im Gegenteil. Es war einfach nur voll, schwül, laut und dreckig. Vor allem am Strand. Dagegen herrschen auch in der Hochsaison in Caorle und Jesolo geradezu paradiesische Zustände. Wer einmal am Strand von Fujiazhuang war, den schreckt so schnell nichts mehr. Ich konnte nicht glauben, wie ein Mensch es unter so vielen anderen Badegästen und Sonnenschirmen länger als ein paar Minuten aushalten kann. Grillwolken vermischten sich mit Luftfeuchtigkeit und Smog. Chinapop schallte in höllischer Lautstärke aus Zelthohen Lautsprecheranlagen. Dazwischen Kindergeschrei und der Duft nach öffentlichen Toiletten.

Glücklicherweise scheinen die aus den Taxen und Bussen herausgefallenen Urlauber nicht lange nach dem optimalen Badeort zu suchen. Etwa 500 Meter den Strand entlang um eine Landzunge herum, war nur noch etwa ein fünftel so viel los. Von einem Platz unter dem Sonnendach konnte man einmal mehr Hochzeitspaaren beim Fotoshooting am Strand zusehen. Hätte das Wasser einen vertrauenserweckenderen Eindruck gemacht, wäre ich gerne baden gegangen. So schaute ich lieber den Einheimischen beim planschen und den großen Frachtern beim Vorbeifahren zu. Im Restaurant nebenan saßen die reichen Unternehmer. Einige von ihnen hatten schon gut über den Durst getrunken. Da hielt sie auch das Algengewirr im Wasser nicht  mehr vor einer Abkühlung im braunen Nass ab. Ein paar Fotos und ein Prost in ihre Richtung. Recht viel mehr war bei diesem Wetter nicht drin.

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Qingdao – Luftkurort, Bierstadt und Hochzeitskulisse

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Zwei Eigenschaften haben Qingdao entscheidend geprägt: Die Stadt ist eine ehemalige deutsche Kolonie und sie ist Gründungsort der größten Brauerei der Welt. Das Stadtbild des Zentrums erinnert mit drei bis vierstöckigen Gebäuden nach europäischem Vorbild, mildem Meeresklima, sauberer Luft und viel Grün stark an eine mediterrane Kleinstadt. Nach Monaten zwischen anonymen Betonriesen ist dies wahrscheinlich der Grund, warum ich mich dort sofort wohl fühlte. Fassbier kann man sich an jeder Straßenecke frisch zapfen lassen. Chinesisch-pragmatisch gibt es das erfrischende Getränk auch zum Mitnehmen in Plastiktüte und mit Strohhalm für läppische 8 Kuai. Es ist nicht zu übersehen, das dort weit mehr Bier konsumiert wird, als in anderen Städten des Landes: Bereits ab 12 Uhr mittags halten die ersten Elektroroller vor den aufgetürmten Fässern und hängen sich die große Tüte zum Mitnehmen an den Lenker.

Einen Großteil der Zeit in Qingdao verbrachten Michael und ich mit Treppensteigen. Zwei Stunden mit dem Bus vom Stadtzentrum entfernt liegt der Laoshan Qian, einer der vielen bekannten Berge in der Umgebung und laut Reiseführer schon seit langem Heimat für Denker und Sinnsucher. Tatsächlich entdeckten wir am ersten Tag auf dem Weg nach oben einen ruhigen Fleck, an dem vom chinesischen Trubel nur wenig zu hören war. Zwei Stunden genossen wir die Ruhe und den Ausblick von unserem Felsblock. Am zweiten Tag waren wir lange auf der Suche nach dem richtigen Weg zu einer versteckten Aussichtspagode auf einem Hügel im Zentrum der Stadt. Eine Chinesin zeigte uns mit unverständlichem Kauderwelsch und Fingerzeig die richtigen Stufen. Oben angekommen leisteten wir den wenigen Einheimischen im warmen Licht der Abendsonne Gesellschaft. Für mich waren das in diesem rastlosen Land sehr entschleunigende und heilsame Momente.

Im Zentrum von Qingdao kann man mehrere Kirchen der Kolonialherren besichtigen. Wir besuchten eine katholische und eine protestantische. Letztere ist hier auf den Bildern zu sehen. Als wir der Dame am Eingang den Eintritt bezahlen wollten fragt sie uns: “Nimen shi de guo ma?” (Seid ihr deutsche?). Als wir mit ja antworten, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie streckt uns unser Geld entgegen und winkt uns durch: “De guo for free!”, ruft sie. In Deutschland ein undenkbarer Akt der Diskriminierung des eigenen Volkes, in China Ausdruck der Gastfreundschaft und Bewunderung. Seltsam wirkte die europäische Darstellung der heiligen Familie in den Fenstern des Gotteshauses in diesem so gar nicht westlichen Kontext. Der Gedanke, dass Asiaten sich mit diesem europäischen Gottessohn und seiner europäische Mutter identifizieren und an ihn Glauben, möchte mir nicht so recht in den Kopf gehen.

Vor den Kirchen tummelten sich die Hochzeitspaare und deren Fotografen. Wer in China heirate, so erklärte es mir Michael, der reise vorher durch das Land, um am Tag der Heirat ein Buch mit Bildern des glücklichen Paares präsentieren zu können.  Das wiederum war für mich ein weiteres Indiz dafür, dass in dieser Kultur dem Versprechen zwischen Mann und Frau nicht Gefühle geschweige denn Liebe zu Grunde liegt. Vielmehr ist die Basis in vielen Fällen die Aussicht auf eine ökonomisch gesicherte Zukunft der Familie und der Wille der Eltern. Welch ein Luxus ist es doch, dass ich in dieser Frage keine Rücksicht auf ökonomische Faktoren nehmen muss. Weitaus besser ist, dass mich meine Eltern nicht verkuppeln werden, auch wenn ich mit 25 noch nicht verheiratet sein sollte. Hoffe ich zumindest.

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Der Affe in meinem Kopf

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Ich merke, langsam wird vieles hier zur Gewohnheit. Die Eindrücke des täglichen Lebens stechen mir nicht mehr so stark ins Auge, wie noch zu Beginn. Meine Sinne stumpfen ab. Das ist wohl einerseits eine natürliche Reaktion auf die unglaubliche Flut an Informationen, die mir hier tagtäglich eingetrichtert werden. Zum anderen wird vieles zur Gewohnheit und der Kontrast zu Leben in meiner Heimat verblasst.

Hin und wieder trifft mich der Kulturelle unterschied doch mit voller Wucht. Seit ich an einem interkulturellen Training teilnehmen durfte, habe ich ein schönes Bild für den Ärger, den China in mir immer wieder hervorruft: Man lehrte mich, dass wir alle einen kleinen Affen in uns tragen. Dieser fängt zu turnen und zu schimpfen an, wenn ihn China nicht mit Bananen füttert, sondern ihm Steine an den Kopf wirft. So geschehen letzte Woche:

Schon vor längerer Zeit ist mir das Ladegerät meiner Kamera durchgebrannt. In diversen Elektronikmärkten wollte man mir entweder Fremdmarken, gefälschte Artikel oder überteuerte echte Geräte andrehen. Letzte Woche konnte mir eine Kollegin endlich helfen, über Amazon ein neues und hoffentlich echtes zu bestellen. Amazon, so dachte ich mir, ist ein westliches Unternehmen mit westlichen Standards. Außerdem hat die Firma auch einen Ruf zu verlieren. Für den stolzen Preis von 360 RMB erwartete ich also eine komplette Lieferung, das heißt ein Ladegerät in Originalverpackung, mit Garantieschein, Kabel und einer Bedienungsanleitung.

Am Samstag bestellt, am Dienstag war es da. Mit viel gelbem Klebeband versiegelt. Neugierig öffnete ich die Pappschachtel. Was ich darin fand, brachte meinen Affen kurzzeitig zum Ausrasten: Von Originalverpackung keine Spur, stattdessen hatte man ein minderwertiges Linsenreinigungsset beigelegt. Den Garantieschein konnte ich nirgends finden und das Kabel zum Ladegerät hatte man auch absichtlich vergessen. Ich könnte wetten, dass das Ding kein Originalteil ist. Wenn ich eine Möglichkeit finde, die Seriennummer zu überprüfen, dann finde ich vielleicht mehr heraus. Mein Affe musste jedenfalls einsehen, dass er keine Möglichkeit hat, sich zu wehren. Wie denn auch. So lange er nur auf deutsch schimpfen kann, versteht ihn hier niemand.

(PS: Das psychologische Konzept hinter der Bändigung des Affen im Kopf ist als Chimp Management bekannt geworden.)

Bauwahn in Dalian

_DSC4045 Ich war um das schlechte Wetter in Dalian sehr froh. 10 Grad und Nebel waren zwar nicht gerade angenehm, aber dafür begegneten wir vermutlich nur halb so vielen Menschen, wie bei 30 Grad und Sonnenschein. Nach dem Tag in Anshan war das auch genau das Richtige. Trotz des tristen Wetters entging mir nicht, dass diese Stadt ein sehr angenehmes chinesisch-maritimes Flair besitzt. Auch die reiche Oberschicht scheint dies schon vor längerem gemerkt zu haben: In den schönen Vierteln näher am Meer reihen sich Luxushotels und Villen aneinander. Die Stadt strotzt vor größenwahnsinnigen Bauprojekten. Nicht dass das in chinesischen Großstädten irgendwie besonders wäre, aber der Mix aus russischen, japanischen, europäischen und chinesischen Baustilen sticht doch heraus: Neben futuristischen Wolkenkratzern aus Glas stehen mittelalterlich anmutende Burghotels mit Wach- und Glockentürmchen. In den Meisten Fällen haben sich die Architekten in näherer Vergangenheit etwas abgeschaut, manchmal stammen die Gebäude tatsächlich noch aus der Kolonialzeit. Waren die meisten alten und neuen Bauwerke eine willkommene Abwechslung zum arg eintönigen betonlastigen Anblick Shenyangs, erlitt mein ästhetisches Empfinden beim Blick auf die Bucht der Stadt einen herben Magenschwinger. Der Horizont wird von einer gigantischen Baustelle verdeckt. Die gesamte Meerseite wird künftig von einer riesigen Brücke umringt, die das Verkehrschaos auf das Wasser hinaus verlagern soll. Statt eines unsichtbaren Tunnels hat man sich aber scheinbar für ein sichtbares Zeichen des Sieges des Menschen über die Natur entschieden. Umso gerechter scheint es da, dass letztere diese Bausünde zumindest für einige Stunden in dichtem Nebel versteckt hält. _DSC4036 _DSC4082 _DSC4077-Bearbeitet _DSC4108 _DSC4022 _DSC4196

Unter Menschen in Anshan

_DSC3911 45 Minuten mit dem Schnellzug von Shenhyang liegt Anshan. Dass die Stadt im Vergleich ein Kuhdorf ist, merkt man daran, dass der Schnellbahnhof eben nur vier Gleise hat und nicht 20. Außerdem stiegen aus dem Zug an diesem frühen Vormittag des 1. Mai nur wenige Menschen aus. Und das an einem Feiertag. Trotzdem ist war die Bahnhofshalle und der Vorplatz gefühlt so groß wie das Terminal zwei am Münchner Flughafen. Wenn man in China nur immer so viel Platz hätte, wie hier.  Doch das Bild trügt. Wer an einem langen Wochenende im Reich der Mitte verreist, der sollte eigentlich wissen, worauf er sich einlässt. Als wir uns nach guten eineinviertel Stunden Verkehrschaos endlich aus den wunderhübschen aber leider gefälschten Louis-Vuitton-Sitzbezügen unseres Taxis schälen durften, sah das Landschaftsbild etwas anders aus. Menschen, Menschen, Menschen und noch mehr Menschen. Dazwischen Autos soweit das Auge reichte. Wir befanden uns nun am Fuß des Qianshan, dem heiligen Berg, und anscheinend wollten nicht nur wir ganz oben hinauf. Das erste Stück den Hügel hinauf bis zu einer großen Weggabelung marschierten die Massen gemeinsam in einer unterbrechungsfreien Kette. Alle paar Minuten raste von hinten oder von vorne ein Bus auf uns zu. Die Menge trennte sich und schwappte hinter ihm wieder zusammen. Ein wunder, dass niemand überfahren wurde. Aber das ist China. Irgendwie passen doch alle aufeinander auf, auch wenn es nicht danach aussieht. Weiter oben gabelte sich die Straße. Wir entschieden uns für die “Buddha Scenic Area”. Nach einem kräftigen Anstieg erreichten wir einen Tempel, der tatsächlich von Mönchen bewohnt und betrieben wird. Sie bringen den Touristen das beten bei. Ich fragte mich, wie das Leben hier im Winter aussieht, wenn keine Menschenseele den Weg dorthin findet. Wir verweilten und sahen dem verrückten treiben zu. In regelmäßigen Abständen kamen junge Chinesen vorbei und wollten mit uns Fotos machen. Wir versuchten, unsere Brotzeit (bestehend aus deutschem Räucherspeck, deutschem Brot und chinesischem Bier) trotzdem zu genießen. Die Sonne brannte immer noch vom Himmel und ich war sehr froh darüber, einen Strohhut für 25 Kröten erstanden zu haben. Auch wenn ich damit aussah, wie ein amerikanischer Supertourist. Ein Strohhut kombiniert mit einer kurzen Sporthose und Turnschuhen war eine der kleineren Modesünden, die ich an diesem Tag zu Gesicht bekam Die Zeit drängte, unser Zug nach Dalian ging schon am frühen Abend. Deshalb entschieden wir uns für den Rückmarsch im Laufschritt. In guter deutscher Manier kamen wir so auch knappe 2 Stunden zu früh zurück. Die wichtigste Lektion des Nachmittags: Man sollte sich in China auf nichts verlassen, nicht einmal auf das todsichere Verkehrschaos an einem Feiertag. _DSC3980 _DSC3925 _DSC3926 _DSC3923 _DSC3944 _DSC3982

Fumin Sundown

_DSC3732 Zu Beginn meiner Zeit hier in China durfte ich an einer Willkommensveranstaltung für Praktikanten teilnehmen. Die chinesische Mangerin, die uns dort begrüßte, erzählte, sie wäre auch schon mal in München gewesen. Diese Stadt wäre zwar auch schön, sagte sie, aber Shenyang hätte auch sein eigenes Flair. Ich musste wirklich aufpassen, nicht laut loszuprusten. Zu dieser Zeit war es hier noch zwischen -20 und 0 Grad kalt. Der Himmel, der Boden, Autos, Hausmauern, Bäume, Sträucher, einfach alles war dreckig graubraun und die Luft stank jeden Morgen nach faulen Eiern. Ich konnte mir beim besten willen nicht vorstellen, dass man hier vor der Haustür auch nur annähernd etwas von schöner Atmosphäre verspüren würde. Vor ungefähr vier Wochen “regnete” es zum ersten Mal und zunächst kam auch nichts anderes vom Himmel, als brauner Schlamm. Trotzdem begann über Nacht der Kirschbaum vor unserem Haus zu blühen und es war, als hätte jemand mit dem Staubwischer sauber gemacht. Es dauerte noch weitere zwei Wochen. Mitte April war es, als hätte jemand auf Knopfdruck den Frühling angeschaltet. Innerhalb von drei Tagen waren sämtliche Bäume grün und die Temperaturen stiegen tagsüber auf 30 Grad. Vor ein paar Wochen noch hätte ich mir nicht träumen lassen, dass sich diese dreckige Industriestadt Shenyang auch noch von einer anderen Seite zeigen kann. Etwa 300 Meter vor meiner Haustür liegt ein Park am Ufer des Flusses, der sich durch die Stadt zieht. Hierher kommen wir nun regelmäßig, um ein Bier im Sonnenuntergang zu genießen. Europäisches Flair habe ich in der Stadt zwar noch nicht entdeckt, aber ich bin auch nicht in Paris, sondern auf einem anderen Kontinent in Shenyang. Wenn man bei der Auslegung des Wortes “Flair” die chinesische Perspektive berücksichtigt, scheint es, als hätte die Managerin doch recht gehabt. _DSC3613 _DSC3620 _DSC3632 _DSC3633 _DSC3716 _DSC3744-Bearbeitet

Ostern in Dandong

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Eine Zugfahrt die ist lustig, vor allem für die einzige Gruppe Europäer in einem Zug in China. Zum Glück war das Abteil nur eine Stunde so voll, dass man sich mit Ellenbogen den Weg zur Zugtoilette frei kämpfen musste. Es dauerte nicht lange, bis unsere Nachbarn unauffällig ihre Handys vor unsere Nasen hielten. Wenigstens einer von ihnen hatte den Anstand, uns zu fragen, ob er mit uns ein Foto machen dürfe. Also gut, schnell ein Autogramm:

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Zum Dank bekam ich ein besonderes Geschenk: ein wickelbares Holzkugelarmband. Anscheinend der letzte modische Schrei unter jungen Männern in China. Unser Freund erfreute sich noch ganze drei Stunden unserer Gesellschaft. Er zeigte uns unter anderem, wie man korrekt chinesische Tütensuppe zubereitet: Es ist ein eher mäßig kompliziertes Unterfangen, diese vielen kleinen Plastikbeutelchen adrett aufzureißen und in der richtigen Kombination in den Nudelbecher zu schütten. Zum Schluss noch heißes Wasser aus dem Wasserspender bis zur Markierung auffüllen, fertig ist die Nudelsuppe. Wesentlich schwieriger ist es schon, das Zeug mit der windigen Plastikgabel in einem schwankenden Zug in den Mund zu bekommen.

Leider musste er uns einige Stationen vor Dandong verlassen. Er hätte uns sonst sicher vor den schlitzohrigen Taxifahrern bewahrt. Wenn man um halb ein Uhr nachts in einer chinesischen Stadt den Weg zum Hostel nicht findet, muss man ein Taxi nehmen. Nach kurzer Diskussion willigten wir in den natürlich völlig überteuerten Preis von 10 RMB pro Mann und Nase ein. Alle rein ins Taxi, Tür zu, kurz verschnaufen. Der Taxifahrer redete wirres Zeug in mein linkes Ohr. “Ting Bu Dong!” “Me Guo?” “No no. De Guo!” (“Ich verstehe Dich nicht!” “Amerikaner?” “Nein Nein. Deutsche.”). Die Ampel sprang auf Grün, der Fahrer fuhr 100 Meter, deutete auf ein blinkendes Schild am Straßenrand und hielt an. Als wir in brüllendes Gelächter verfielen, musste sogar er kurz grinsen. Er zwang sich aber zur Räson und forderte energisch sein Geld. So sollte er es haben, wir können dafür jetzt eine Geschichte erzählen.

Ab ins Hostel, Gepäck abstellen, zurück auf die Straße. Wir wollten noch ein Bier trinken. Aber wo? Im nächsten Restaurant sprang man sofort auf, machte uns mit Händen und Füßen begreiflich, dass es hier nichts mehr zu holen gab. Aber nur wenige Minuten mit dem Auto, da wäre ein wunderbares Restaurant. Ein sehr hilfsbereiter Gast zerrte uns in seinen alten VW. Ich nahm lieber ein Taxi. Aber der Tipp stellte sich als sehr gut heraus. Es war schon zu spät für Korean BBQ und außerdem Karfreitag, aber ein paar Bier aus kleinen Gläsern gingen natürlich. Die Adresse hoben wir uns für den nächsten Tag auf.

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Nächster Tag, selbes Spiel: Nach einer halsbrecherischen Fahrt im Taxi zur Mauerattrappe von Hushan verfolgten uns die Handykameras auf Schritt und Tritt. Halsbrecherisch sind auch die steilen Treppen ohne nennenswerte Sicherung den Berg hinauf und und wieder hinunter. In Deutschland wäre der Weg locker als Klettersteig durchgegangen. Trotz der vielen Menschen hat man vom höchsten Punkt der Mauer einen guten Blick auf Dandong (respektive dessen Smog-Glocke) und nach Nordkorea hinüber.

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Eine weitere riskante Taxifahrt zurück in die Stadt später gab es Obst und Kekse zum Mittagessen. Nächster Programmpunkt: Eine Bootsfahrt auf dem Grenzfluss zu Nordkorea. Nur welchem der vielen Touristenfänger kann man vertrauen? Dem, der eine Stunde Fahrt für 50 RMB verspricht, der uns aber in einen Bus mit unbekanntem Ziel verfrachten will, oder dem der das Boot direkt am Steg liegen hat, der aber 60 RMB für eine halbe Stunde nimmt? Wir entschieden uns für ersteren.

Keine schlechte Wahl, wie sich herausstellte.

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Ich als Tourist kann nicht wirklich sagen kann, welche der Eindrücke von Nordkorea Attrappen waren und was echt. Bei drei Dingen bin ich mir sehr sicher, dass es sich um Geschäftemacherei und Propaganda handelte:

1. Das Sperrholz-Riesenrad. (Ein kurzer Bericht findet sich bei Welt.de, wobei ich der Meinung bin, es handelt sich bei dem Freizeitpark und insbesondere bei dem Riesenrad um eine nicht betriebsfähige Fassade)

2. Der als Bademeisterhäuschen getarnte mintgrüne Wachposten (sh. Bild oben). Wer genau hinsieht, kann auch den Wachsoldaten mit Fernglas im Fenster erahnen.

3. Der nordkoreanische Fischer, der auf der Bootsfahrt mit seinem Kahn an unserem Ausflusdampfer festmachte und nordkoreanische Zigaretten und Eier an chinesische Touristen vertickerte. Zwischenzeitlich hielt ich das für eine Erfindung des Bootsfahrtunternehmens, die den Touristen eine besondere Attraktion bieten wollten. Das passt gut zu dem Sensationstourismus, der Dandong fest im Griff hält. Zeitweise kam ich mir vor wie im Tierpark: Hunderte Menschen gaffen aus großen Ausflugsbooten auf einen großen Käfig.

Bei den großen Fabrikschornsteinen auf der anderen Uferseite bin ich mir nicht sicher, ob sie tatsächlich zur Produktion verwendet wurden, oder ob es sich dabei ebenfalls um Accessoirs handelt, die den Menschen auf der chinesischen Uferseite ein Bild von einem prosperierenden Nordkorea vermitteln sollen. Was mich hingegen stark beeindruckte, sind Blicke auf weite Felder und deren Bauern, die mit der Harke das Feld bestellten und der Kontrast zwischen der Bebauung der beiden Uferpromenaden. Es fällt nicht schwer zu erraten, welches Land auf welcher Seite liegt. Nachts, wenn auf chinesischer Seite die Werbetafeln blinken, versinkt Nordkorea in Dunkelheit. Nur ein heller Scheinwerfer beleuchtet den Grenzposten auf der Brücke.

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Nachtleben

_DSC2851 Das Nachtleben in dieser acht Millionen Stadt lässt etwas zu wünschen übrig. Feierwütige Praktikanten haben zwischen drei oder vier Nachtclubs und einer handvoll Bars die Auswahl. Der Abend endet meist im Lenores, einer Kneipe bevölkert von deutschen Expats und Praktikanten. Egal wie dreckig die Luft draußen ist, drinnen ist sie garantiert giftiger. Die rauchenden Gäste verursachen Smogwerte jenseits der 500. Aus den Lautsprechern schallen dort deutsche Schlager. Ein ähnliches Programm absolvierte ich letztes Wochenende. Daher hatte ich diesen Freitag keine Lust, erneut eine Nacht zwischen neureichen Chinesen und betrunkenen Europäern im Rhythmus schlechter Musik zu verbringen. Michael ging es ähnlich, daher entschieden wir uns für eine nächtliche Fototour. Viel passierte nicht. Gegen 23:00 Uhr befindet sich die Stadt in der Regel schon im Schlafmodus. Vereinzelt packten Verkäufer ihre Essensstände zusammen. Hier und da begegneten uns Arbeiter auf dem Heimweg. Auf einem riesigen unbeleuchteten Platz in der Mitte der Stadt sahen wir einige Jugendliche beim Inline skaten. Irgendwann verhältnismäßig früh am Abend wird auch die Beleuchtung an den meisten großen Bauwerken abgestellt. Doch wäre ich stattdessen mit den anderen feiern gegangen, hätte ich auf jeden Fall weniger neues erlebt. _DSC2859 _DSC2866 _DSC2896 _DSC2919 _DSC2840-Bearbeitet