Den Gedanken Raum geben – München Venedig Teil 2

_DSC2555-Bearbeitet _DSC2720 Abends setzte sich die Sonne gegen die Nachmittagsgewitter meist wieder durch. Dann konnte ich auf das Werk des Tages zurückblicken. Der frühe Abend war tatsächlich meist die ruhigste Zeit des Tages: Vormittags wurde marschiert, Mittags kam der Wettereinbruch, Nachmittags musste ich um ein gutes Lagerbett kämpfen und möglichst als einer der Ersten die (einzige) Dusche erobern. War das erledigt, war noch genügend Zeit bis zum Abendessen übrig. Nun konnte ich mich entweder mit Wegbegleitern unterhalten, oder mir ein ruhiges Plätzchen suchen und dort die Gedanken schweifen lassen. In diesen ruhigen Minuten staunte ich nicht selten über das, was da zu meinen Füßen lag. Mächtige Berge, steile Abhänge, karge Gipfel. Ehrfurcht, Stolz und Staunen mischten sich in mir und vergolten die Strapazen des Tages. Wie man unschwer aus den Bildern lesen kann, machte das in die Landschaft blicken einen beträchtlichen Teil nicht nur meines Tagesablaufs aus. Ich behaupte, dass es allen meinen Wegbegleitern so ging. Wer selbst schon mehrere Tage am Stück am Berg verbracht hat, der wird den Wert dieser Augenblicke zu schätzen wissen. Gerade auf dieser Reise musste ich mir bewusst Zeit für mich nehmen. Das mag zunächst äußerst merkwürdig klingen, denn objektiv betrachtet hatte ich mir fünf volle Wochen für mich selbst reserviert. Ereignisse, Gedanken und Gefühle konnte ich aber nur im Dialog mit mir selbst wirklich reflektieren. Besonders gut eignete sich dafür immer ein Platz mit Aussicht. Oder in extremen Fällen ein Tag, an dem ich (absichtlich) in Teilen oder komplett allein wanderte. Wenn man zusammen mit anderen in einer Gruppe unterwegs ist, wird viel kommuniziert, geplant, gelacht, gestritten, gesungen, diskutiert, erzählt und herumgealbert. Den Blick für sich, die eigenen Pläne und das, was einen so umgibt, verliert man dabei schnell. Natürlich fand ich es sehr schön, während dieser fünf Wochen nie einsam sein zu müssen. Ich habe es genossen, viele Menschen und deren Sichtweisen auf die Dinge kennen zu lernen. Manchmal war mir das allein Sein aber lieber. Allein sein heißt für mich frei sein. Im Freien kühlte es abends schnell ab, außerdem wurde das Abendessen serviert. Danach setzte ich nur noch in besonderen Fällen einen Fuß vor die Tür. Das heißt, falls die Wolken einen Blick auf einen der wenigen atemberaubenden Sonnenuntergänge zuließen, oder ein paar Sterne funkelten. _DSC3058 _DSC3081 _DSC3332