Fabian

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Fabians Priesterweihe ist nun schon ein Jahr her. Es war für mich etwas sehr besonderes, ihn und seine zwei Ordensbrüder und Freunde, Christian und Gunnar, dabei als Fotograf zu begleiten. Etwa zweieinhalb Stunden verfolgte ich die Zeremonie aus unterschiedlichen Perspektiven. Obwohl ich schon seit vielen Jahren selbst oft als Ministrant bei normalen Gottesdiensten vor dem Altar stehe, bereitete mir der Ablauf des Weiheritus mit seinen vielen Besonderheiten einige Schwierigkeiten. Etwas nervös pendelte ich also möglichst unauffällig zwischen Altarraum und dem Kirchenschiff hin und her.

Vor dem Gottesdienst war nicht nur mir, sondern auch den dreien die Aufregung deutlich ins Gesicht geschrieben. Währenddessen schienen sie mir sehr konzentriert. Das “Jetzt nur keinen falschen Schritt machen!”-Gefühl ist etwas, dass ich als Ministrant gut kenne. Selbst nach dem Auszug dauerte es noch eine Weile, bis sie sich aus der katholischen Gottesdienststarre lösen konnten. Erst als Christian beim Gruppenfoto in seiner lebensfrohen Art die Arme um seine Mitbrüder legte, da war sie plötzlich wieder da: Die Freude über das Vollbrachte, ihre herzliche Gemütlichkeit. Für mich war das der schönste Moment des Tages.

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Als ich damals die fertig bearbeiteten Fotos betrachtete, war ich glücklich. Glücklich darüber, irgendwann einmal eine Kamera in die Hand genommen zu haben. Hätte ich das nicht getan, ich hätte Fabian wohl nie kennengelernt. Diesen Sommer war er wieder zu Besuch in München. So herzlich, wie er mich vor fast einem Jahr verabschiedet hatte, so herzlich begrüßte er mich diesmal wieder: Mit einer ungewöhnlich festen Umarmung, einem Blitzen in den Augen und einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. Er nahm sich in seiner gemütlichen Art viel Zeit mir nochmal zu erklären, wie und warum er sich für seinen Weg entschieden hatte und wie es ihm in den letzten Monaten ergangen war:

In seiner Zeit als Zivi in der Katholischen Hochschulgemeinde Stuttgart merkte er, dass er für andere Menschen da sein wollte. Dazu kam später noch der Wunsch, den Menschen die Barmherzigkeit Gottes nahezubringen. Er wollte ankämpfen gegen das Bild vom strafenden Gott, das auch heute noch sehr weit verbreitet sei. Ein gutes Beispiel dafür sei die Beichte, sagte er mir: “Nach der Beichte fragen mich die Menschen manchmal, warum ich ihnen jetzt nicht fünf Ave-Maria und zehn Vater-Unser aufgebe, damit ihnen die Sünden vergeben werden. Ich sage dann, ‘Nein. Mache Dir lieber Gedanken darüber, was Du den Menschen gutes tun kannst. Das hilft ihnen und dir mehr, als die Strafe.'”

Er sei kein Mensch für die Einsamkeit. Er müsse unter Leute. Er sei auch niemand, der gerne nach Hause komme, wenn dort Abends nur das Abendbrot auf in warte, aber keiner da sei zum Reden. Daher kam für ihn nie in Frage, Gemeindepfarrer zu werden und er entschied sich stattdessen dazu, in einen Orden einzutreten. Eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass die Jesuiten für ihn die passende Gemeinschaft sei, gelten sie doch als sehr intellektuell geprägt. Er dagegen sei mehr ein Mann des Herzens. Aber die Offenheit des Ordens für Neues und seine ausgeprägte internationale Verflechtung faszinierten ihn und er ist – das sieht man ihm an – auch nach wie vor sehr glücklich mit dieser Wahl.

Wir sprachen auch über eines meiner Lieblingsthemen das Zuhören: Hier wurde er nachdenklich. Ein großer Teil seines Tagesablaufs bestehe darin, anderen ein offenes Ohr zu schenken. Das sei oft schön aber nicht immer leicht, denn natürlich belasten ihn die Sorgen und Nöte der Menschen. Trotzdem fühle er sich nie allein, denn im persönlichen Gespräch sei ja immer auch ein dritter mit dabei, sagte er mir und blickte vielsagend nach oben. Dieses Wissen helfe ihm sehr. Dieser Gedanke fällt mir persönlich schwer. Trotzdem kann ich nachvollziehen, dass er allen, die so viel Vertrauen zu Gott aufbringen, wie Fabian, sehr viel Kraft verleiht. Seine Beziehung zum Glauben sei auch nicht immer lupenrein, erwiderte Fabian auf meine Bedenken. Wie jeder andere zweifle auch er, denn die Frage nach dem “Warum” gehöre eben auch zum Glauben. Da fiel mir ein Satz meiner Mama ein: Als ich vor einigen Jahren (wieder einmal) keinen Sinn im sonntäglichen Gottesdienstbesuch sah, sagte sie, das sei normal. Die Beziehung zu Gott müsse man sich genauso erarbeiten, wie die Beziehung zu dem Menschen, den man liebt. Glaube und Liebe sind oft sehr schön und leicht aber manchmal auch ein Haufen harter Arbeit.

Als Fabian mir Bilder von seiner Gemeinde in Frankfurt  auf seinem Handy zeigte, sah ich ein Funkeln in seinen Augen. Ich merkte, dieser Mann hat seine Berufung gefunden. Bei unserer Verabschiedung, war es schon weit nach sieben und viel zu spät, als dass er bei seiner nächsten Verabredung noch pünktlich gekommen wäre. Als ich mich für die verursachte Verspätung entschuldigte, lachte er nur: “Ich habe nicht umsonst in Spanien studiert. Irgendetwas muss ja hängen geblieben sein”.

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