Leicht sein, träumen und vergessen – auf Gili Meno.

_DSC7682

Alltag, Du hast mich wieder. Wenn nicht schon kurz nach meiner Rückkehr im September, dann definitiv seit November. Seit drei Monaten bin ich zurück. Eigentlich nicht viel Zeit. Und doch so schnell vorbei. Da genieße ich es sehr, mich hin und wieder an die Zeit in Indonesien zu erinnern.

Dem Alltag entflohen bin dort nicht nur ich, sondern auch viele andere, die Indonesien und vor allem Bali als das Reiseziel für sich entdeckt haben. Leider sehen die meisten Touristen diese Insel nicht von seiner authentischen Seite. Ganze Städte wurden in den vergangenen Jahren mit tausenden Hotels, Ferienanlagen und Ressorts erweitert. In den Gassen werden fast ausschließlich Souvenirs verkauft. Man unternimmt teure, geführte Tagestrips zu einigen Tempeln, die von Touristenfängern belagert werden. Traditionelle indonesische Gerichte gibt es für Gesundheitsfanatiker auch in veganen Ausführungen. Das Essen kostet im allgemeinen das vierfache und schmeckt nur halb so gut, wie das in Jogjakarta oder Malang. Wie überall auf der Welt gilt: Je näher ein internationaler Flughafen, desto mehr verändern sich auch die Menschen. Man wird mehr und mehr als Besitzer eines großen Geldbeutels gesehen. Trotzdem ist es nicht verwunderlich, dass Jahr um Jahr noch mehr Menschen aus allen Teilen der Welt nach Bali kommen. Die Schönheit des Landes ist auch in der größten Touristenhochburg (noch) sichtbar. Außerdem: Wer von Indonesien noch nichts anderes gesehen hat, der kann gar nicht anders, als begeistert sein. Aber es ist eben nicht das echte Indonesien.

Bestes Beispiel: Bier. In Jakarta selbst ist es sehr schwierig, Bier im Supermarkt zu bekommen. Da die Mehrheit der Menschen Muslime sind, ist der Verkauf von Alkohol nur unter strengen Auflagen erlaubt. Wer es trotzdem wagt, die Kassiererin nach zwei kleinen Flaschen Bier zu fragen, der muss außerdem den strengen Blicken der umstehenden Kunden standhalten. Bali wiederum ist hinduistisch geprägt, Alkohol kann man in Supermärkten abseits der großen Städte trotzdem nicht kaufen. In den Touristenorten dagegen ist Bier und Schnaps sehr beliebt und leicht zu haben. Auch an anderen Stellen ist die Veränderung leicht zu erkennen: Frauen übernehmen beispielsweise freizügigen Kleidungsstil und selbstbewusstes Auftreten von den Fremden. Bewerten möchte ich diese Entwicklung nicht. Klar ist, der Massentourismus hat die Struktur und Kultur der Insel schon stark verändert.

_DSC7470

_DSC7481

_DSC7486

Nach zwei Tagen im überlaufenen Ubud, war ich sehr froh, am Ende meiner Reise für vier Tage an einem ruhigen Ort meine Gedanken sortieren zu können. Der Ort der Wahl: Gili Meno. Das ist die kleinste und am wenigsten besuchte von drei winzigen Inseln vor Lombok. Die Schwestern Gili T. und Gili Air sind am besten mit den Partystränden von Mallorca und Ibiza zu vergleichen. Glücklicherweise musste ich dort nur die Fähre wechseln.

Am Strand von Gili Meno ist man buchstäblich weit weg von den Problemen zu Hause. Die Internetverbindung ist sehr schlecht. Das ist es wahrscheinlich, was das Lebenstempo so langsam macht. Eigentlich unglaublich, welche Auswirkungen es auf mein Leben hat, wenn einmal kein Internet zur Verfügung ist. Der Tag ließ sich allerdings gut mit Sonnenaufgang bewundern, mit den anderen Gästen quatschen, Schnorcheln, einem langen Mittagsschlaf und Sonnenuntergang bewundern ausfüllen. Der perfekte Ort also, um vor dem realen Leben zu flüchten. Tatsächlich war mein Eindruck von den anderen Gästen dieses sehr alternativen Hostels, dass viele von Ihnen sich dort genau deshalb so wohl fühlten, weil sie nichts an die Pflichten und Unbequemlichkeiten zu Hause erinnerte. Einen wirklichen (Lebens-)Plan hatten nur wenige. Einige blieben, solange es ihnen ihr Visum erlaubte. Süchtig nach Leichtigkeit, nach Träumen und nach Vergessen.

_DSC7695

_DSC7740

_DSC7725

_DSC7748

Leicht vergisst man beim Blick aufs weite Meer auch die Probleme des Landes, in dem man sich befindet. Ein paar Meter hinter der Uferpromenade wird sichtbar, dass der Wohlstand auf Gili Meno, wie auch in vielen Teilen Indonesiens, noch lange nicht Einzug gehalten hat. Die Menschen leben einfach, vieles verfällt, Müll liegt über die ganze Insel verteilt. Tiere suchen Futter in Abfall, die Menschen vor den Hütten blicken ärmlich und ein wenig misstrauisch. Fließendes Wasser gibt es nicht. Ich konnte leider nicht mit ihnen sprechen. So weiß ich auch heute nicht, ob sie glücklich sind. Was sie wohl zum Trubel auf den Nachbarinseln sagen? Was sie über die Ausländer auf ihrer Insel denken? Die alte, runzlige Frau, die jeder nur Mama Maria nannte, stimmte mit ihrem Lachen jedenfalls auch den größten Morgenmuffel versöhnlich. Darüber hinaus bot sie neben wunderbar süßen Ananas auch Massagen feil und sah dabei trotz gebücktem Gang und krummer Finger sehr zufrieden aus. Auch Pacman, Koch der besten Reisgerichte der Insel und zugleich Heiler und Hausarzt der Einheimischen, strahlte immer über beide Ohren. Da stellt sich wieder die altbekannte Frage: Macht Besitz glücklich? Oder ist es doch etwas anderes?

Für mich war der Strand von Gili Meno kein Ort, um Gedanken zu verdrängen. Für mich gab es keinen besseren Platz auf dieser Welt, um meine Erlebnisse in China Revue passieren zu lassen. Ich wollte auch nicht länger als vier Tage bleiben. Ich wollte wieder zurück nach Hause. Meine Freunde und meine Familie wiedersehen. 7 Monate sind eine lange Zeit. Und doch so schnell vorbei.

_DSC7790

_DSC7782

_DSC7775