Ostern in Dandong

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Eine Zugfahrt die ist lustig, vor allem für die einzige Gruppe Europäer in einem Zug in China. Zum Glück war das Abteil nur eine Stunde so voll, dass man sich mit Ellenbogen den Weg zur Zugtoilette frei kämpfen musste. Es dauerte nicht lange, bis unsere Nachbarn unauffällig ihre Handys vor unsere Nasen hielten. Wenigstens einer von ihnen hatte den Anstand, uns zu fragen, ob er mit uns ein Foto machen dürfe. Also gut, schnell ein Autogramm:

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Zum Dank bekam ich ein besonderes Geschenk: ein wickelbares Holzkugelarmband. Anscheinend der letzte modische Schrei unter jungen Männern in China. Unser Freund erfreute sich noch ganze drei Stunden unserer Gesellschaft. Er zeigte uns unter anderem, wie man korrekt chinesische Tütensuppe zubereitet: Es ist ein eher mäßig kompliziertes Unterfangen, diese vielen kleinen Plastikbeutelchen adrett aufzureißen und in der richtigen Kombination in den Nudelbecher zu schütten. Zum Schluss noch heißes Wasser aus dem Wasserspender bis zur Markierung auffüllen, fertig ist die Nudelsuppe. Wesentlich schwieriger ist es schon, das Zeug mit der windigen Plastikgabel in einem schwankenden Zug in den Mund zu bekommen.

Leider musste er uns einige Stationen vor Dandong verlassen. Er hätte uns sonst sicher vor den schlitzohrigen Taxifahrern bewahrt. Wenn man um halb ein Uhr nachts in einer chinesischen Stadt den Weg zum Hostel nicht findet, muss man ein Taxi nehmen. Nach kurzer Diskussion willigten wir in den natürlich völlig überteuerten Preis von 10 RMB pro Mann und Nase ein. Alle rein ins Taxi, Tür zu, kurz verschnaufen. Der Taxifahrer redete wirres Zeug in mein linkes Ohr. “Ting Bu Dong!” “Me Guo?” “No no. De Guo!” (“Ich verstehe Dich nicht!” “Amerikaner?” “Nein Nein. Deutsche.”). Die Ampel sprang auf Grün, der Fahrer fuhr 100 Meter, deutete auf ein blinkendes Schild am Straßenrand und hielt an. Als wir in brüllendes Gelächter verfielen, musste sogar er kurz grinsen. Er zwang sich aber zur Räson und forderte energisch sein Geld. So sollte er es haben, wir können dafür jetzt eine Geschichte erzählen.

Ab ins Hostel, Gepäck abstellen, zurück auf die Straße. Wir wollten noch ein Bier trinken. Aber wo? Im nächsten Restaurant sprang man sofort auf, machte uns mit Händen und Füßen begreiflich, dass es hier nichts mehr zu holen gab. Aber nur wenige Minuten mit dem Auto, da wäre ein wunderbares Restaurant. Ein sehr hilfsbereiter Gast zerrte uns in seinen alten VW. Ich nahm lieber ein Taxi. Aber der Tipp stellte sich als sehr gut heraus. Es war schon zu spät für Korean BBQ und außerdem Karfreitag, aber ein paar Bier aus kleinen Gläsern gingen natürlich. Die Adresse hoben wir uns für den nächsten Tag auf.

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Nächster Tag, selbes Spiel: Nach einer halsbrecherischen Fahrt im Taxi zur Mauerattrappe von Hushan verfolgten uns die Handykameras auf Schritt und Tritt. Halsbrecherisch sind auch die steilen Treppen ohne nennenswerte Sicherung den Berg hinauf und und wieder hinunter. In Deutschland wäre der Weg locker als Klettersteig durchgegangen. Trotz der vielen Menschen hat man vom höchsten Punkt der Mauer einen guten Blick auf Dandong (respektive dessen Smog-Glocke) und nach Nordkorea hinüber.

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Eine weitere riskante Taxifahrt zurück in die Stadt später gab es Obst und Kekse zum Mittagessen. Nächster Programmpunkt: Eine Bootsfahrt auf dem Grenzfluss zu Nordkorea. Nur welchem der vielen Touristenfänger kann man vertrauen? Dem, der eine Stunde Fahrt für 50 RMB verspricht, der uns aber in einen Bus mit unbekanntem Ziel verfrachten will, oder dem der das Boot direkt am Steg liegen hat, der aber 60 RMB für eine halbe Stunde nimmt? Wir entschieden uns für ersteren.

Keine schlechte Wahl, wie sich herausstellte.

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Ich als Tourist kann nicht wirklich sagen kann, welche der Eindrücke von Nordkorea Attrappen waren und was echt. Bei drei Dingen bin ich mir sehr sicher, dass es sich um Geschäftemacherei und Propaganda handelte:

1. Das Sperrholz-Riesenrad. (Ein kurzer Bericht findet sich bei Welt.de, wobei ich der Meinung bin, es handelt sich bei dem Freizeitpark und insbesondere bei dem Riesenrad um eine nicht betriebsfähige Fassade)

2. Der als Bademeisterhäuschen getarnte mintgrüne Wachposten (sh. Bild oben). Wer genau hinsieht, kann auch den Wachsoldaten mit Fernglas im Fenster erahnen.

3. Der nordkoreanische Fischer, der auf der Bootsfahrt mit seinem Kahn an unserem Ausflusdampfer festmachte und nordkoreanische Zigaretten und Eier an chinesische Touristen vertickerte. Zwischenzeitlich hielt ich das für eine Erfindung des Bootsfahrtunternehmens, die den Touristen eine besondere Attraktion bieten wollten. Das passt gut zu dem Sensationstourismus, der Dandong fest im Griff hält. Zeitweise kam ich mir vor wie im Tierpark: Hunderte Menschen gaffen aus großen Ausflugsbooten auf einen großen Käfig.

Bei den großen Fabrikschornsteinen auf der anderen Uferseite bin ich mir nicht sicher, ob sie tatsächlich zur Produktion verwendet wurden, oder ob es sich dabei ebenfalls um Accessoirs handelt, die den Menschen auf der chinesischen Uferseite ein Bild von einem prosperierenden Nordkorea vermitteln sollen. Was mich hingegen stark beeindruckte, sind Blicke auf weite Felder und deren Bauern, die mit der Harke das Feld bestellten und der Kontrast zwischen der Bebauung der beiden Uferpromenaden. Es fällt nicht schwer zu erraten, welches Land auf welcher Seite liegt. Nachts, wenn auf chinesischer Seite die Werbetafeln blinken, versinkt Nordkorea in Dunkelheit. Nur ein heller Scheinwerfer beleuchtet den Grenzposten auf der Brücke.

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