Qingdao – Luftkurort, Bierstadt und Hochzeitskulisse

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Zwei Eigenschaften haben Qingdao entscheidend geprägt: Die Stadt ist eine ehemalige deutsche Kolonie und sie ist Gründungsort der größten Brauerei der Welt. Das Stadtbild des Zentrums erinnert mit drei bis vierstöckigen Gebäuden nach europäischem Vorbild, mildem Meeresklima, sauberer Luft und viel Grün stark an eine mediterrane Kleinstadt. Nach Monaten zwischen anonymen Betonriesen ist dies wahrscheinlich der Grund, warum ich mich dort sofort wohl fühlte. Fassbier kann man sich an jeder Straßenecke frisch zapfen lassen. Chinesisch-pragmatisch gibt es das erfrischende Getränk auch zum Mitnehmen in Plastiktüte und mit Strohhalm für läppische 8 Kuai. Es ist nicht zu übersehen, das dort weit mehr Bier konsumiert wird, als in anderen Städten des Landes: Bereits ab 12 Uhr mittags halten die ersten Elektroroller vor den aufgetürmten Fässern und hängen sich die große Tüte zum Mitnehmen an den Lenker.

Einen Großteil der Zeit in Qingdao verbrachten Michael und ich mit Treppensteigen. Zwei Stunden mit dem Bus vom Stadtzentrum entfernt liegt der Laoshan Qian, einer der vielen bekannten Berge in der Umgebung und laut Reiseführer schon seit langem Heimat für Denker und Sinnsucher. Tatsächlich entdeckten wir am ersten Tag auf dem Weg nach oben einen ruhigen Fleck, an dem vom chinesischen Trubel nur wenig zu hören war. Zwei Stunden genossen wir die Ruhe und den Ausblick von unserem Felsblock. Am zweiten Tag waren wir lange auf der Suche nach dem richtigen Weg zu einer versteckten Aussichtspagode auf einem Hügel im Zentrum der Stadt. Eine Chinesin zeigte uns mit unverständlichem Kauderwelsch und Fingerzeig die richtigen Stufen. Oben angekommen leisteten wir den wenigen Einheimischen im warmen Licht der Abendsonne Gesellschaft. Für mich waren das in diesem rastlosen Land sehr entschleunigende und heilsame Momente.

Im Zentrum von Qingdao kann man mehrere Kirchen der Kolonialherren besichtigen. Wir besuchten eine katholische und eine protestantische. Letztere ist hier auf den Bildern zu sehen. Als wir der Dame am Eingang den Eintritt bezahlen wollten fragt sie uns: “Nimen shi de guo ma?” (Seid ihr deutsche?). Als wir mit ja antworten, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie streckt uns unser Geld entgegen und winkt uns durch: “De guo for free!”, ruft sie. In Deutschland ein undenkbarer Akt der Diskriminierung des eigenen Volkes, in China Ausdruck der Gastfreundschaft und Bewunderung. Seltsam wirkte die europäische Darstellung der heiligen Familie in den Fenstern des Gotteshauses in diesem so gar nicht westlichen Kontext. Der Gedanke, dass Asiaten sich mit diesem europäischen Gottessohn und seiner europäische Mutter identifizieren und an ihn Glauben, möchte mir nicht so recht in den Kopf gehen.

Vor den Kirchen tummelten sich die Hochzeitspaare und deren Fotografen. Wer in China heirate, so erklärte es mir Michael, der reise vorher durch das Land, um am Tag der Heirat ein Buch mit Bildern des glücklichen Paares präsentieren zu können.  Das wiederum war für mich ein weiteres Indiz dafür, dass in dieser Kultur dem Versprechen zwischen Mann und Frau nicht Gefühle geschweige denn Liebe zu Grunde liegt. Vielmehr ist die Basis in vielen Fällen die Aussicht auf eine ökonomisch gesicherte Zukunft der Familie und der Wille der Eltern. Welch ein Luxus ist es doch, dass ich in dieser Frage keine Rücksicht auf ökonomische Faktoren nehmen muss. Weitaus besser ist, dass mich meine Eltern nicht verkuppeln werden, auch wenn ich mit 25 noch nicht verheiratet sein sollte. Hoffe ich zumindest.

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