Sechs Monate China – Ein Fazit.

Im Februar stellte ich meine Füße zum zweiten Mal auf chinesischen Boden. Ich erinnere mich: Vor meiner ersten Reise im März 2014 konnte ich mir nicht im Geringsten vorstellen, einmal für längere Zeit nach China zu gehen. Als ich nach zehn Tagen Intensivprogramm mit einem riesigen Fundus an Erfahrungen, Bildern und offenen Fragen zurückkehrte, keimte in mir der Wunsch, nocheinmal genauer hinzusehen. Ich wollte China richtig kennenlernen und entschied mich, für ein halbes Jahr hier zu arbeiten. Gestern verließ ich das Land. Ein guter Zeitpunkt also, um nachzufragen, ob mein Plan aufgegangen ist.

Bei genauerem Nachdenken zeigt sich: Ja und Nein zugleich. Die offenen Fragen sind weniger geworden aber viele bleiben unbeantwortet und es haben sich ein paar neue aufgetan. Ich kenne die Grundzüge der chinesischen Geschichte und spreche ein paar Wörter Chinesisch. Ich kann mir nun auf vieles einen Reim machen, aber ich besitze nicht annähernd ein vollständiges Bild der chinesischen Kultur.

Einer meiner ersten und vielleicht der wichtigste Eindruck überhaupt war, wie herzlich mich meine chinesischen Kollegen in ihr Team aufnahmen. Diese fürsorgliche Atmosphäre hat sich über die Zeit nicht verändert. Ich habe ihre offene, warme, neugierige Art schätzen und lieben gelernt und ich werde sie vermissen. Aber so vielfältig die chinesische Gesellschaft ist, so unterschiedlich waren auch die Begegnungen. Diese Herzlichkeit war dabei keinesfalls ein roter Faden. Oftmals beschlich mich das Gefühl, meine Gegenwart ist Prestigeobjekt. Besonders fiel mir das auf, wenn mich Passanten um ein gemeinsames Foto baten. Meist waren das junge Frauen, manchmal auch Eltern, die ihre Kinder zusammen mit uns fotografieren wollten. Diese Fotos waren weniger Ausdruck der Bewunderung für westliches Aussehen, in den meisten Fällen eher ein wichtiges Element zur Selbstdarstellung. Einerseits fühlte ich mich als Deutscher unter Chinesen sehr oft sehr willkommen.  Andererseits gab es auch viele Situationen, in denen ich merkte, ich werde niemals ein wahres Bild dieses Landes sehen. Zum Einen weil mir der Zugang verwehrt wird, zum anderen weil ich mich selbst vor Neuem verschlossen habe.

Vor meiner Abreise aus Deutschland sagte ich mir, “Im Ausland trifft man sicher diejenigen, die sich wirklich für andere Kulturen interessieren und die sich auf neue Erfahrungen einlassen.” Ich bin der Meinung, dass ich zu jene Gruppe gehöre, die sich tatsächlich mit China und seiner Kultur auseinander gesetzt haben. Leider musste ich auch sehen, dass es Menschen gibt, die sich komplett vor der chinesischen Kultur verschließen, obwohl sie in diesem Land leben und arbeiten. Die Motivation nach China zu gehen, lag in meinem Umfeld viel zu oft in Karriere, Geld, im Lebensstandard, den man sich als Ausländer leisten kann und bei Männern auch in den asiatischen Frauen. Besonders unangenehm fielen mir der Ausländer vom Typ Missionar auf: Ich traf einige, gerne mit einem unglaublichen Maß an Überheblichkeit behaupteten, man müsse den Chinesen erst richtiges Denken und Arbeiten beibringen. Richtiges Denken bedeute in diesem Fall natürlich deutsches Denken. Das finde ich sehr bedauernswert und ich bin fest entschlossen, es selbst anders zu machen. Tatsächlich ist das aber gar nicht so einfach.

Was nehme ich mit aus dieser Zeit?

Wie bei meiner Wanderung von München nach Venedig im letzten Jahr braucht es seine Zeit, bis ich das genau sagen kann. Momentan denke ich vor allem über eines sehr oft nach:

Mehr als vor meinem Aufenthalt in China bin ich davon überzeugt, dass wir Zentraleuropäer in Sachen Herzlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft noch viel lernen können. Außerdem empfinde ich die deutsche Lebenseinstellung als zu stark analytisch und von Ängsten geleitetet. Mehr intuitives und entschlossenes, von Hoffnung inspiriertes Handeln würde vor allem uns Deutsche sehr viel weiter bringen.

Daneben findet sich in meinem imaginären Koffer auch der Gedanke, nochmal zu kommen. Zumindest für einen Urlaub, vielleicht auch zum Arbeiten für ein paar Jahre. So sehr mir dieses Land mit all seinen Unannehmlichkeiten, Eigenheiten und Superlativen schon auf den Geist ging, ich habe es auch lieb gewonnen. Allen voran meine Kollegen, die mich genauso herzlich verabschiedeten, wie sie mich aufgenommen haben.

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