Sehnsucht

Bei der Vorbereitung zu ihrem Fotoshooting schickte ich ihr einige meiner Fotografien der vergangenen Monate, weil ich herausfinden wollte, was ihr gefällt und welcher Stil zu ihr passt. Relativ schnell offenbarte sie neben einem sehr hohen Anspruch an sich selbst eine überaus kritische Sicht auf die Dinge. Das gefiel mir einerseits sehr gut, weil ich selbst auch ein sehr kritischer Mensch bin. Gleichzeitig war das aber nicht einfach für mich, weil ich mit Kritik, die etwas betrifft, was ich selbst geschaffen und das ich sehr gut finde, nur schlecht umgehen kann. Letztlich sieht jeder Betrachter das gleiche Bild. Doch er vermischt den visuellen Eindruck mit den persönlichen Erfahrungen und Gefühlen, die das Bild in ihm hervorruft. Das wurde mir besonders dann bewusst, wenn wir über Fotografien sprachen, bei denen sie die abgebildeten Personen nicht kannte. Zum Beispiel bezog ich in meine Bewertung der Bilder von Pauline  meine persönlichen Erfahrungen mit ihr ein, auf die Christina natürlich nicht zurückgreifen konnte. Sie achtete auf ganz andere Details. So konnte sie mir Nuancen zeigen, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Christina öffnete mir die Augen für meine eigenen Fotografien. Am Abend vor dem Shooting sprachen wir über vieles, auch über sehr persönliche Dinge. Eines der Gefühle, das sie momentan sehr berührte, war die Sehnsucht. Daraus entwickelte sich auch mein Leitgedanke für das Shooting am nächsten Tag. Leider ließ ich ihr beim Modeln vor der Kamera zu viel Freiheit. Der Faden ging mir das ein oder andere Mal verloren. Ich ging ungewollt dazu über, nur schöne Portraits zu schießen. Dabei wäre es gerade wichtig gewesen, Christina mit Kommunikation zu lesen und zu leiten. Neben vielen schönen Stunden, kann ich hauptsächlich zwei Dinge für mich selbst aus dieser Begegnung mit Christina mitnehmen: Zum einen werde ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass man einer Fotografie auf tausend verschiedene Wege begegnen kann. Zum anderen achte ich in Zukunft noch genauer darauf, was Menschen um mich herum bewegt. Dann kann ich meine eigene Vorstellung davon entwickeln, wie ich das auf Bildern festhalten kann.