Shenyang Downtown

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In unserer Bude gäbe es noch genügend aufzuräumen. Die Spüle steht voll mit Geschirr. Sonntags wäre dafür eigentlich viel Zeit. Leider kommt seit heute Morgen wieder einmal kein Wasser aus der Leitung. Wasserrohrbruch. Das ganze Viertel sitzt auf dem Trockenen. So wird das also doch ein gemütlicher Sonntag Nachmittag.

Ganz im Gegenteil zu gestern. Johannes hatte beim Schneider im Huanggu District ein paar Kilometer Nördlich von hier noch ein Hemd in Arbeit. Diesen Laden wollte ich mir unbedingt ansehen und nachdem wir sonst immer mit dem Taxi von A nach B unterwegs waren, probierten wir diesmal unser Glück mit der Metro. Mir fiel auf, dass sich die Chinesen mit Platzmanagement in öffentlichen Verkehrsmitteln sehr viel besser auskennen, als wir. Während in Deutschland die Fahrgäste gerne im Eingang stehen bleiben und anderen den Weg blockieren, wird hier schön brav nach hinten durchgegangen und von dort gleichmäßig aufgefüllt. Bis ich das System verstanden hatte, kassierte ich mehrere ungeduldige Rempler. Wer Angst vor Körperkontakt und Bakterien an den Haltegriffen hat, sollte sich jedenfalls lieber ein Taxi suchen.

In einer unauffälligen, von sechsstöckigen Wohngebäuden gesäumten Seitenstraße in der Nähe des Beiling Parks liegt “Zhao Zhi Tailor Shop”. Angeblich einer der Schneider, die ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten. Viel wichtiger: Er hat Erfahrung im Umgang mit Europäern und spricht einen einigermaßen verständlichen Mix aus Englisch und Chinesisch. Auf geschätzten 30 Quadratmetern stapeln sich hier zwei Angestellte, die an steinzeitlich anmutenden Nähmaschinen sitzen, ein riesiges mit Stoffen vollgestopftes Regal, viele halbfertige Arbeiten und ein großer Spiegel. Überall liegen Stoffreste, Nähutensilien, Kataloge. Aus Schränken und einer ehemaligen Duschkabine quillen Jacken, Heizkörper, Schaufensterpuppen, vertrocknete Pflanzen und Putzzeug. Statt seiner eigenen Hemden trägt der Schneider billige Stangenware. Johannes halbfertiges Hemd sah dagegen schon sehr ordentlich aus. Sein Handwerk beherrscht er offensichtlich.

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Mit dem Bus fuhren wir anschließend für einen Yuan (ca. 0,15 €) einige Stationen weiter. Der Nase nach querten wir mehrere Bahngleise und landeten dort in einem Park mit einigen Sitzgelegenheiten und einem großen gefliesten Platz. Samstags treffen sich dort die älteren Semester und die jungen Familien. Die Alten praktizieren Tai Chi, spielen Kartenspiele, lassen Drachen steigen oder große, laut surrende Kreisel an einer Schnur um den Körper wirbeln. Kinder bauen aus losen Fliesen Steintürme.

Die alten Frauen dort musterten uns mit Misstrauen. Europäer kommen hier wohl eher selten vorbei. Die Herren ließen sich von ein paar Weißen nicht bei ihrem Kartenspiel stören. Gemessen an der Zahl der Zuschauer musste das Spiel sehr spannend sein. Wir konnten aber nicht erraten, wie es funktioniert. Der Kreiselmann war dagegen sehr angetan von interessierten Beobachtern. Seine Freunde deuteten mir, ich solle unbedingt fotografieren. Daraufhin band er für mich einen Drachenschwanz an sein Fluggerät und gab eine Zusatzvorstellung. Währenddessen musterten seine Kameraden interessiert meine Kamera.

Auf der Suche nach einem Taxi zurück durchquerten wir einen Lebensmittelmarkt unter einer Schnellstraße. Das Obst sah einigermaßen appetitlich aus, der Fisch dagegen roch schon aus weiter Entfernung. Im Taxi ruhten wir unsere müden Beine aus. Als der Fahrer sich einen stinkenden Stumpen anzündet, wünschte ich mir, ich wäre doch mit der Metro zurück gefahren.

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