Vom Ankommen – München Venedig Teil 3

_DSC2857 Ankommen kann man bekanntlich nicht nur Ende einer ganzen Reise, sondern auch am Etappenziel. Jeden Abend hatte ich ein kleines Ziel erreicht und war dem großen wieder ein Stück näher. Letzteres war jedoch nicht ausnahmslos eine schöne Erfahrung. Da gab es zum Beispiel die LIzumer Hütte zwei Tagesmärsche hinter Innsbruck. Äußerlich sehr modern und einladend, innerlich behaust vom unfreundlichsten Hüttenwirt, an dessen Tisch ich jemals gegessen habe. Wäre die nächste Hütte nicht noch vier oder fünf Stunden weit weg, hätte ich mir ernsthaft überlegt, eine Extraschicht einzulegen. Ein andermal war ich ungefähr auf der Hälfte des Weges, kurz hinter der Grenze zu Italien. Ich hatte mit meinen Freunden den zweiten Neunstundentag in Folge hinter mich gebracht und erlitt gerade eine leichte Form des Lagerkollers. Die letzten zehn Nächte hatte ich mit vielen anderen Menschen auf engstem Raum und auf Lagerbetten geschlafen. An diesem Abend erwischte ich einen scheußlichen Stapel alter, gammliger Matratzen als Schlafplatz. Irgendwer blockierte schon wieder die Dusche und saubere Wäsche hatte ich auch keine mehr zum anziehen. Erschöpft und schweigsam saß ich im Zimmer herum und starrte in den Spiegel an einem alten Schrank. Ich betrachtete mein Gesicht. Die einzige Lampe im Zimmer beleuchtete es auf unheimliche Art und Weise. Meine Brille warf lange Schatten auf die Wangen. Meine eigenen Augen konnte ich nur erahnen. Sie verschwanden in dunklem Schwarz. Ich sah mir die Anstrengungen der vergangenen Tage deutlich an. “Das also bin ich. Hier bin ich jetzt”, kam es mir in den Sinn, “In Italien. Zu Fuß.” Unter die Erschöpfung mischte sich sofort eine gehörige Portion Stolz und Zufriedenheit. Ankommen kann man auch bei sich selbst. In der Regel ist das eine schöne Erfahrung. So geschehen zum Beispiel auf der letzten großen Erhebung vor dem Abstieg ins Flachland, dem Nevegal. Dort oben im hohen Gras war ich ganz allein mit meinen Gedanken, denn die Menschen der umliegenden Städte gehen anscheinend nicht gerne Bergsteigen. Ich hatte seit Wochen keine Tagesnachrichten mehr gelesen, seit Tagen keine SMS mehr bekommen und auch sonst war ich vom Leben in München mit all seinen Verpflichtungen sehr weit weg. In diesem Moment spürte ich eine innere Ruhe. Sie legte mir eine warme Hand auf den Rücken und leistete mir Gesellschaft. Auf der anderen Seite neben mir saß der Stolz. Er erzählte mir vom weiten Weg der letzten Wochen und klopfte mir dabei auf die Schulter. _DSC3712 Wenn man eine Etappe der Reise weglassen möchte, dann sollte man die letzte dafür wählen. Jesolo – Venedig ist mit Abstand die hässlichste Strecke der gesamten 555 km. Nicht mal das Wetter entschädigte mich für den Anblick der Hotelburgen, Autoschlangen, Sonnenschirme und Partyboote. Es entschied sich konsequenterweise zu Bewölkung. So war meine Ankunft weniger einem Triumphzug als einer Flucht vor nasskaltem Nieselregen. Fast wäre ich auf den nassen Steinstufen zur Piazza San Marco mitsamt Kamera und Rucksack in die Lagune von Venedig gefallen. Die Stadt hieß mich nicht auf Anhieb willkommen. Auch geistig hatte ich das Ende der Reise noch nicht begriffen. Eigentlich kannte ich das so nur von Reisen im Flugzeug, mit denen man einfach in ein paar Stunden zwischen völlig unterschiedlichen Welten hin und her springt. Noch Tage und Wochen später schwelge ich apathisch in Erinnerungen, weil ich meine Gedanken im Flugzeug auf tausende Kilometer abhänge. Obwohl meine Gedanken diesen Sommer sehr viel Zeit zum Mitreisen hatten, blieb die ungezügelte Freude über die lang ersehnte Ankunft aus. Nichtsdestotrotz: Ich war endlich da. Zeit wars. _DSC4130 _DSC4148 _DSC4155