“Welcome to Shenyang. And by the way: You are very handsome!”

Schlafzimmerausblick
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Seit mehr als Woche lebe ich nun in China. Seit Tagen grüble ich, worüber ich denn schreiben soll. Zu berichten gäbe es einiges. Allerdings überlasse ich die kritische Berichterstattung lieber anderen. Und kritisch berichten könnte man hier sehr gut.

Im Vergleich zu den auf Hochglanz polierten Stadtzentren von Shanghai und Beijing, die ich letztes Jahr gesehen habe, kann die Industriestadt Shenyang nicht glänzen. Wozu auch. Touristen gibt es ohnehin nur wenige. Sehenswert ist die Stadt trotzdem. Als wahrhaftiges Bild eines alltäglichen Chinas.

Es gibt viele Dinge in diesem Land, die mir zu Hause über alle Maßen auf die Nerven gehen würden. Dazu zählen die aus europäischer Sicht schlechten Manieren der Einheimischen genauso, wie die Imperfektion, die sich vor allem in sämtlichen Bauwerken manifestiert. Schiefe Treppen und Risse in neu gebauten Gebäuden, Wellen in frisch asphaltierten Autobahnen – ich könnte hunderte Beispiele aufzählen. Dazu gehört auch der Müllsammelmann, der am Wochenende von 7 bis 10 Uhr die Straßen im Wohnblock abfährt und durch sein Megafon immer die gleichen drei chinesischen Sätze brüllt. In ein paar Wochen kann ich sie auswendig, ohne ein Wort davon zu verstehen. Dazu gehört die überschwängliche Art und Weise, in der hier mit Feuerwerk chinesisch Neujahr gefeiert wird. Bis letzten Donnerstag wurde praktisch von früh morgens bis spät nachts geböllert. Dazu gehört nicht zuletzt der chaotische Verkehr, die praktisch nicht existente Natur und der viele Dreck, an dem ich jeden morgen aauf dem Weg zur Arbeit vorbeifahre. Interessant ist, dass ich mich seit meiner Ankunft nicht daran störte. China ist nicht mein Land, hier herrschen andere Sitten. In diesem Bewusstsein kam ich hierher und man gewöhnt sich eben an vieles. Außerdem weiß ich auch, dass ich hier nur auf Zeit lebe.

Was ich sicher vermissen werde, wenn ich wieder gehe, ist die große Hilfsbereitschaft, die natürliche Neugier und Offenheit der Menschen hier. Letztere überraschte mich gleich am ersten Abend, als ich im Supermarkt an der Kasse unerwartet Komplimente vom Verkäufer bekam: “I’m sorry, we don’t accept international credit cards.”, sprach er. “But by the way: You are very handsome.” Was entgegnet man als verklemmter Deutscher darauf? Ein knappes “Thank you.” musste genügen. Woraufhin er noch eines drauf legte: “You are welcome. And you deserve it.”

Diese Art von Wortwechsel kam mir nicht lange ungewöhnlich vor, denn er wiederholt sich nun regelmäßig. Mal sind es Verkäufer und Verkäuferinnen, mal Passanten oder Männer wie Frauen in Bars und Clubs der Stadt. Außerdem bin ich nicht der einzige, dem das passiert.

Auch meine chinesischen Arbeitskollegen empfingen mich mit weit ausgestreckten Armen. Sobald ich sie nacheinander kennenlernte, bot mir jeder einzelne von Ihnen seine Hilfe an. Ihre Gesichtszüge tragen schon etwas kindliche Freude, sobald sie mir irgendwie unter die Arme greifen können. Ich muss nur mit dem kleinsten Anliegen zu ihren Schreibtischen kommen, sie lassen sofort alles fallen. Am Meisten freut sich mein chinesischer Praktikantenkollege in der Abteilung. Heute war ich zum ersten Mal nicht mit den anderen deutschen, sondern mit ihnen Mittagessen. Natürlich musste ich sofort von sämtlichen Tellern probieren, das gehört hier wohl zum guten Ton. Schmeckte alles sehr vorzüglich. Währenddessen fragten sie mich über den Verlauf meines Wochenendes, meine Herkunft und mein Studium aus – und sie amüsierten sich köstlich über meinen Umgang mit diesen verflixten Stäbchen. Ich freue mich schon auf morgen Mittag.

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